Aktualisiert: Okt 13

Als ich ein Kind war, waren wir in den Ferien oft auf dem Land. Nachts konnte man dort bei schönem Wetter den ganzen weiten Himmel, übersät mit Sternen und Konstellationen, sehen und auf Sternschnuppen warten. Und manchmal, wenn ich eine gesehen hatte, und mir nichts einfiel, was ich mir nun wünschen könnte, weil ich in meinem kleinen Leben eigentlich recht glücklich war, dann wünschte ich mir, dass Weltfrieden werden soll. Und obwohl ich nie jemandem verraten habe, was ich mir gewünscht hatte – ganz so, wie die Regeln des Sternschnuppenwünschens es verlangen –, ist der Wunsch nie in Erfüllung gegangen.


Momentan leben wir stattdessen in einer Zeit, die von dem bedrohlichen Gefühl begleitet ist, dass es gerade nicht besser, sondern schlimmer wird. Was manch eine*r vielleicht milde als bewegte Zeiten bezeichnet. Und was anderen das Gefühl von einem drohenden Weltkrieg vermittelt.

In den Nachrichten hört man täglich von Hass und Gewalt, von neuen Polarisierungen zwischen rechts und links, reich und arm, zwischen westlicher Welt und globalem Süden, zwischen Klimaleugner*innen und Klimaschützer*innen; man hört von der Niederschlagung demokratischer Proteste, von Online-Hass und Drohungen, vom Umschlagen des Hasses in Gewalttaten, von Zerstörung; und man hört von den neuen und alten Kriegen, die im Sog aller Grässlichkeiten mitunter ihre Stellung als Primat allen Übels einbüßen. Da ist die Eskalation des Konflikts zwischen dem Iran und der USA zu befürchten¹; in Libyen werden verschiedene Allianzen geschmiedet und auch dort erhöhen sich Spannungen und verhärten Fronten²; und währenddessen dauern die Kriege in Syrien, im Jemen, in der Ukraine, in Somalia, in Afghanistan und an anderen Orten an³. Manche sind fast von der Bildfläche des Westens verschwunden und werden in trotz ihrer Vergessenheit unerbittlich fortgeführt, andere sind zur traurigen Normalität in unserer Berichterstattung geworden.


Das Hessische Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) ermittelte für das vergangene Jahr 38 Kriege und begrenzte Kriege, und insgesamt 358 Konflikte weltweit.⁴ 16 Jahre zuvor, für das Jahr 2003, zählte das HIIK nur 218 Konflikte, von denen es nur 14 als Kriege einstufte.⁵ Die gefühlte Zunahme von Konflikten scheint sich dadurch empirisch zu bestätigen. Und das ist eine beängstigende Entwicklung.


Parallel mit dieser beängstigenden Entwicklung bin ich langsam erwachsener geworden. Ich hatte seltener Zeit für Ferien auf dem Land, und je älter ich wurde, umso eher habe ich mir bei einer Sternschnuppe nicht mehr Frieden gewünscht, sondern nur noch, dass ich meinen Alltag meistere und es schaffe, zufrieden zu sein. Vielleicht eine verloren gegangene Naivität, aber vielleicht auch ein Einknicken vor der Welt und den Anforderungen, die das Leben an uns stellt.Oder vielleicht eine Spiegelung des gesellschaftlichen Trends hin zum Imperativ der Selbstoptimierung: das eigene Leben und den Alltag in den Griff bekommen und perfektionieren. Im gleichen Zug beginnt eine Jagd nach Zufriedenheit und nach Wohlbefinden, bei der uns die Achtsamkeits- und Wellnessindustrie Unterstützung versprechen. Unser Fokus verlagert sich von der Welt auf uns selbst, und wenn wir uns nur genug anstrengen, wird unser Leben doch auch irgendwann so aussehen wie das all derer, die es schon geschafft haben und deren Erfolgsstorys wir bei Instagram bewundern. Der Erfolg einer solchen Einstellung und das angenehme Gefühl, dass sie hervorruft, beruhen darauf, dass Gemütlichkeit, sich wohlfühlen und der Fokus auf den privaten Erfolg – mit der entsprechenden Ästhetik als Verpackung zum Lifestyletrend erhoben – vermeintlich Abhilfe gegenüber der großen, unbequemen, unübersichtlichen und rauen Welt schaffen, der man in den Bereichen von Politik und Gesellschaft nur schwer entkommt.

Es ist schwierig, angesichts der Lage der Welt nicht die Augen zu verschließen; und politisch zu sein, ist unbequem. In Zeiten wie diesen erst recht. Aber ist eine Abkehr vom Politischen nicht auch eine politische Entscheidung? Eine Entscheidung, die, umso mehr Menschen diese Entscheidung treffen, die Politik immer stärker beeinflusst? Ist eine solche Entscheidung nicht eine Zustimmung zum Status-quo, oder dazu, dass es keinen Änderungsbedarf gibt? Überlässt man damit vielleicht sogar jenen das Feld, die gegen die eigenen Interessen kämpfen?


Vielleicht bedarf es neuer Narrative, die uns einen Anhaltspunkt gegen das Abdriften in die Indifferenz geben. Narrative, die uns nicht bedrücken und uns nicht mit ihrer Negativität verunsichern, die nicht nur von Krieg und Zerstörung, vom Auseinanderbrechen von Gesellschaften sprechen; die uns ermutigen, der Welt weiterhin in die Augen zu sehen und für die Dinge einzustehen, die uns wichtig sind.

In mir jedenfalls blieb, dem allem zum Trotz, der kindliche Wunsch nach Weltfrieden irgendwo erhalten. Und ich bin nicht allein. So wie ich als Kind wünschen sich viele eine Welt frei von Krieg und Gewalt. Der Protest gegen den Vietnamkrieg in den sechziger und siebziger Jahren besaß eine transformative Kraft und hat unsere Gesellschaft und den heutigen Liberalismus mitgeprägt, auch im Vorfeld des zweiten Irakkrieges kam es 2003 weltweit zu Protesten. Viele Menschen bewundern Gandhi für seinen unbedingten Gewaltverzicht, eine Haltung, die sich am Ende gegen die Gewalt behaupten konnte. Selbst im christlichen Glauben ist ein gewaltfreies Ideal vorhanden, mit Jesus, der seine Jünger auffordert: „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Matthäus 5,39).


Es ist ein starkes Narrativ, das von der friedlichen Welt. Und doch wird einem oft erwidert, wenn man Abrüstung oder den Verzicht auf militärische Aggressionen und Interventionen fordert, dass all das doch utopisch sei. Dass es lebensfern sei, unrealistisch, nicht umsetzbar. Und wahrscheinlich waren alle, die sich für Frieden einsetzen, im schier endlosen Unterfangen, Kriegsbemühungen einzuschränken und Rüstungsproduktionen einzudämmen, schon mal kurz vor dem Verzweifeln und haben bei sich gedacht: „Die haben Recht. Es ist utopisch.“


Und vielleicht stimmt es, vielleicht ist es utopisch – aber ist eine Utopie nicht eine Welt, nach der man sich sehnt? Ein Ziel, dass es sich zu erreichen lohnt und das beflügelt? Eine Zukunftsvision für ein besseres Leben, für eine bessere Gesellschaft?


Utopia? (© Anna Uth)


Wörtlich genommen ist eine Utopie ein Nicht-Ort – ein Ort, der nicht ist. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um beliebige nicht vorhandene Orte. Das Wort wurde geprägt von Thomas Morus in seiner Erzählung Utopia von 1516.⁶ Dort geht es um einen Nicht-Ort, an dem nicht unbedingt die Welt an sich, aber die gesellschaftliche Organisation besser ist als die der Realität, in der Morus lebt. So ist die Utopie nicht nur eine Beschreibung von etwas, das nicht existiert, sondern auch eine Erzählung darüber, was wünschenswert wäre, ein Traumbild einer besseren Gesellschaft. Und zwar eines, in der die Menschen nicht nur etwas weniger arm, die Welt nicht nur etwas weniger von Grausamkeit und Brutalität erfüllt ist, sondern in der die Dinge grundlegend anders sind. Ein erster Entwurf, eine erste Vorstellung davon, wie eine bessere Welt, eine andere Gesellschaft funktionieren kann.

Und Ernst Bloch spricht von Utopien als vom Noch-Nicht-Seienden⁷, dem, was zwar momentan nicht ist, aber das noch die Möglichkeit hat, zu werden. Utopien sind also Möglichkeiten, für die wir uns einsetzen können; sind Leitbilder, an denen wir uns orientieren können beim Aufbauen einer besseren Welt. Utopie als Zielrichtung wie auf einem Kompass, der die richtige Richtung bestimmt, auf die wir gesellschaftlich hinsteuern wollen. Utopie als Motivation und als Hoffnungsträgerin, denn die Vorstellung einer Welt ohne all das Leid, dass durch Kriege und Gewalt entsteht, birgt eine Hoffnung, die uns zum Weitermachen ermutigen kann.


Ich selbst werde dies zum Ausgangspunkt nehmen, mich von diesem Narrativ, von der Utopie stärker leiten zu lassen. Anfangen, wieder wie früher vom Weltfrieden zu träumen. Ihn mir wünschen von Sternschnuppen, von Politikern und von Gesellschaften. Die Hoffnung nicht aufgeben und sie vor mir hertragen; für sie kämpfen, und vielleicht, vielleicht, die Verwirklichung meiner Utopie ein klein wenig möglicher machen.


Quellen:

1 Vergleiche hierzu beispielsweise:

Vaez, A. (2020). The US And Iran Are Still Perilously Close To Conflict. https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/may/02/us-iran-military-hotline-covid-19-pandemic. Abgerufen am: 03.05.2020.

Borger, J. (2020). Iran reportedly launches first military satellite as Trump makes threats. https://www.theguardian.com/world/2020/apr/22/iran-us-satellite-navy-boats-trump. Abgerufen am: 03.05.2020.

2 Vergleiche hierzu beispielsweise:

Wintour, P. (2020). Tripoli government rejects rebel general's ceasefire offer in Libya. https://www.theguardian.com/world/2020/apr/30/ramadan-libya-ceasefire-ends-recent-surge-violence. Abgerufen am: 03.05.2020.

3 Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) (2020). Conflict Barometer 2019. https://hiik.de/konfliktbarometer/aktuelle-ausgabe/. Abgerufen am: 03.05.2020. S. 10.

4 Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) (2020). Conflict Barometer 2019. S. 2.

5 Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) (2004). Conflict Barometer 2003 [2. Edition]. https://hiik.de/konfliktbarometer/bisherige-ausgaben/. Abgerufen am: 03.05.2020. S. 3.

6 Vgl. Schölderle, T. (2012). Geschichte der Utopie. Wien Köln Weimar: Böhlau Verlag GmbH & Cie, S. 21f.

7 Vgl. Bloch, E. (1970). Tübinger Einleitung in die Philosophie. Frankfurt am Main : Suhrkamp, S. 212f.

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