Aktualisiert: Jan 8

Die letzte Revolution im Sudan zeigte sich dezentral und feministisch. Nach dem Sturz des Regimes wird gegenwärtig über eine neue Ordnung entschieden. Wie gestaltet sich dieser Übergang inmitten der ökonomisch unstabilen und von ausländischen Hilfen abhängigen Lage des Landes? Was wird unter einer halb zivilen, halb militärischen Übergangsregierung von den Dynamiken der Revolution und dem Aufbegehren der Sudanes*innen für Freiheit und gegen strukturelle Gewalt bleiben? Was sind insbesondere heute die Kämpfe der Sudanesinnen* für eine neue, gerechte Ordnung?



Nach einer Kontextualisierung der Revolution im Sudan möchte ich die Sicht zweier Sudanesinnen auf die Revolution, die jetzige Situation und auf die Zukunft des Sudans wiedergeben.


Raga Makawi ist eine sudanesische politische Aktivistin, die seit fünf Jahren in Großbritannien lebt. Von Beruf ist sie Redakteurin im Fach Afrikastudien bei Zed Books und African Arguments. Als sie im Sudan lebte, war sie in einer Reihe von Organisationen und Initiativen engagiert, die sich dem Empowerment von Frauen widmeten. Wie viele ihrer Altersgenoss*innen im Ausland berichtete sie aus der Diaspora heraus über die Revolution und unterstützte sie von dort aus.


Samia al-Nagar ist mit einem Doktortitel von der Fakultät für Soziologie und Sozialanthropologie an der Universität Khartum promoviert. Seit langer Zeit lehrt sie an Universitäten und bezeichnet sich selbst als unabhängige Forscherin. Sie arbeitet mit vielen unterschiedlichen NGOs zusammen und kooperiert mit diesen bei ihren Recherchen. In den 1970er Jahren begann sie mit ihrer aktivistischen Tätigkeit, in der sie sich gegen weibliche Genitalverstümmlung einsetzte. Später leistete sie politische Arbeit für das Friedensabkommen 2005 und machte sich militant gegen die diskriminierenden Faktoren gegenüber Frauen im sudanesischen Familienrecht („family law“) stark. Neben ihrer Tätigkeit als Forscherin und Aktivistin gibt sie Trainings zum Thema Geschlechtergleichstellung und gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Sie ordnet sich selbst als unabhängig von jeglicher Partei oder Ideologie ein.¹


Kontext

Nach der Unabhängigkeit vom englisch-ägyptischen Konglomerat 1956 unter Ministerpräsident al-Azhari durchlebte die sudanesische Bevölkerung einen regen Wechsel zwischen Militärdiktaturen (1958-1964, 1969-1989, 1989-2019) und demokratischen Übergangsregierungen (1956-1958, 1965-1969, 1986-1989).


Die Aufstände 2018 waren der Beginn der letzten Revolution im Sudan, die die Diktatur von Umar al-Baschir zunächst durch die Machtübernahme des Militärs zum Sturz brachte. Sie waren getragen durch eine von der Geschichte der vorherigen Aufstände und Diktaturen stark geprägten und politisierten Gesellschaft. Die Hauptrepräsentanten der revolutionären Opposition sind unter der Forces for Freedom and Change (FFC) bekannt. Teil davon sind unter anderem die aus Gewerkschaften bestehende Sudanese Professionals Association (SPA), sowie auch die Initiative No to oppression against women und die Gruppe MANSAM, zu der später noch Bezug genommen wird.


Dem Sturz des al-Bashir Regimes folgte eine Übergangsregierung des sogenannten Transitional Military Council (TMC). Dessen offizielles Haupt bekleidete zwar der Anführer des sudanesischen Militärs, Abdel Fattah al-Burhan, der TMC wurde jedoch stellvertretend auch vom General Mohamed Hamdan Dagallo – auch unter dem Namen “Hemeti” bekannt – angeführt. Hemeti ist der Anführer der Rapid Support Forces (RSF), eine Unterorganisation der Janjaweed-Milizen, die vom al-Baschir-Regime zur Bekämpfung von Rebellengruppen im Sudan geformt und eingesetzt wurden.


Die Janjaweed-Milizen sind für viele Menschenrechtsverletzungen im Sudan, unter anderem in den Regionen Darfur, Südkordofan, den Nuba-Bergen und dem Bundesstaat Blauer Nil bekannt. Diese Tatsache, sowie die vorherigen Erfahrungen der sudanesischen Bevölkerung mit unterdrückenden Militärdiktaturen, erklären die Skepsis der Opposition, die nach der Machtübernahme des TMC mit der Forderung nach einer zivilen Regierung weiter protestierte. Die Proteste wurden jedoch weiterhin gewaltvoll angegriffen, vermutlich vorwiegend durch die RSF². Am 3. Juni 2019 wurde das revolutionäre Sit-in in der Hauptstadt Khartum während des sogenannten Khartum-Massakers – auch als Ramadan-Massaker bekannt – durch die militärische Übergangsregierung blutig niedergeschlagen. Die Verluste unter der sudanesischen Bevölkerung bei dem Massaker und dessen Folgen sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Es wird von mehr als 100 Toten ausgegangen.³ 118 Leichen sollen in der Woche nach dem Massaker in den Nil geworfen worden sein.⁴ Die Ärzte des Central Committee of Sudanese Doctors, die Teil der Sudanese Professional Association (SPA) sind, berichten über 70 Vergewaltigungen. Diese nach dem Massaker in den Krankenhäusern von Khartum registrierten Fälle betreffen meist Frauen, jedoch sind auch Männer darunter.



Am 18. August 2019 wurde eine Übergangsregierung geformt, die auf einem Abkommen zwischen dem Militär und Repräsentanten der Zivilbevölkerung begründet ist.⁶ Allerdings ist der General Dagallo immer noch Teil dieser zur Hälfte aus Militär, zur Hälfte aus zivilen Repräsentanten sowie aus einer unabhängigen Person bestehenden Übergangsregierung. Das Abkommen wird von großen Teilen der Opposition kritisch angesehen. Vorgesehen ist die Vorbereitung von freien, demokratischen Wahlen nach einer dreijährigen Übergangszeit.


Dynamiken der Revolution

Als Auslöser der Revolution gilt die am 19. Dezember 2018 durch das al-Bashir-Regime verkündete Erhöhung der Preise für Nahrungsmittel, womit der Preis für ein Laib Brot um das Dreifache anstieg. Bereits seit 2013 verfolgte die Regierung von al-Bashir eine strikte Austeritätspolitik auf Kosten der ärmsten Teile der Bevölkerung, die ab 2017 auf Grundlage eines Sparplans der Internationalen Währungsfonds (IWF) fortgesetzt wurde. Die Inflationsrate erhöhte sich im Dezember 2018 im Sudan auf 70%. Hinzu kam, dass die sogenannte „internationale Gemeinschaft“, in Wirklichkeit vor allem von europäischen Ländern und den USA repräsentiert, nach der Abspaltung des Südsudan im Jahr 2011 und dem Comprehensive Peace Agreement (CPA), das sie unterstützte und mittrug, beide Länder in einer tiefen ökonomischen und politischen Krise allein ließ. Sie ließ auch die im Sudan lebenden, aber aus dem Südsudan stammenden Menschen, denen die sudanesische Staatsbürgerschaft in Folge der Unabhängigkeit des Südsudans entzogen wurde, im Stich.


Wie es Raga Makawi in einem Interview mit Elia al-Khazenam am 27. Mai 2019 betont, ist es schwer, den Anfang einer revolutionären Dynamik auf einen bestimmten Ort oder Tag festzulegen, auch wenn es oft eines Narrativs für eine Revolution bedarf. Mohammed Elnaiem ordnet den Beginn der Proteste in selbigem Interview dem 19. Dezember in der Stadt Atbara zu. Hungrige Schüler sollen demnach mit dem Niederbrennen des Hauptsitzes der regierenden Partei National Congress Party (NCP) ihre Wut demonstriert und die Revolution losgetreten haben.⁷ Der Autorin und politischen Aktivistin Sara Abbas’ Korrektur zufolge starteten die Proteste jedoch bereits am 13. Dezember in Ad-Damazein, der Hauptstadt des Staates Blauer Nil, einer von der zentralen Regierung besonders vernachlässigten und von Armut betroffenen Region.


Von sudanesischen Aktivist*innen wird die bemerkenswerte Dezentralität hervorgehoben, die diese Revolution auszeichnete. Die Aktivität der Protestierenden ging von vielen Orten in der Peripherie sowie auch von abgelegenen Bundesstaaten aus, anstatt sich wie vorherige Revolutionen auf die Hauptstadt Khartum und urbane Regionen zu konzentrieren. Diese „horizontale“ Form des Protests erlaubte es möglicherweise, die ethnische Vielfalt des Sudans besser widerzuspiegeln.


Sara Abbas bemerkt, dass post-koloniale Strukturen im Sudan ein Katalysator für patriarchale und rassistische Gewaltstrukturen sind, die anhand der Ideologie eines arabischen Nationalismus andere Ethnien als die arabische im Sudan benachteiligen.⁸ Im Gegensatz zu anderen Aufbegehren der letzten Jahre im Rahmen des Arabischen Frühlings, wie etwa in Syrien, schaffte es das Regime im Sudan nicht, eine Spaltung der Ethnien durch das Schüren dieses Rassismus herbeizuführen.⁹ Als das Regime während der Revolution Schüler aus Darfur – vermutlich durch Folter – dazu brachte, im staatlichen Fernsehen zu behaupten, dass bewaffnete Gruppen in Darfur von Israel finanziert wurden, um das Land zu spalten, antworteten Protestierende in Khartum mit dem Slogan: „Ihr seid rassistisch und arrogant. Wir alle sind Darfur!“¹⁰


Einer der Faktoren, der diese dezentralisierte Organisation stützte und möglich machte, ist die Nutzung der sozialen Medien zu politischen Zwecken auf dem fruchtbaren Grund einer durch die sudanesische Geschichte von Revolutionen und Umbrüchen stark politisierten Bevölkerung und Jugend. Nach dem gewaltvollen Niederschlagung der Proteste im Juni 2019 wurde das Internet durch den TMC, dem dieses revolutionäre Potential der sozialen Medien bewusst zu sein schien, im Land lahmgelegt. Dieses Manöver gelang jedoch nicht, da einen Monat später die SPA mithilfe der sudanesischen Diaspora die Kommunikation bereits wieder aufgebaut hatte.¹¹ Die Sozialen Medien erlaubten einen hohen Grad an selbstverwalteter Organisation und die Mobilisierung von vielen, vor allem jungen und parteilosen Menschen. Diese dezentrale Form der Organisation prägt das Zeitalter moderner Revolutionen und wurde auch in anderen Aufbegehren des Arabischen Frühlings stark in der Form und dem Konzept der Lokalen Koordinations-Kommittees (LCCs) sichtbar. Auch im Sudan kreierten diese LCCs ein Netzwerk, das bis zur nationalen Ebene reichte.¹²


Zudem scheinen die Sozialen Medien dazu beigetragen zu haben, alltägliche Lebensbereiche zu politisieren und dienten im Alltag als Instrumente der Revolution. Ein Beispiel hierfür sind etwa die “Women only lifestyle groups” auf Facebook: Internetforen, in denen sich Frauen, die in den sudanesischen Mainstream-Medien oft unterrepräsentiert sind, austauschen und ihre Gedanken teilen. Auf den ersten Blick erkennbare Diskussionsthemen dieser Foren sind Schönheitsprodukte. Diese Diskussionen waren bereits politisch, wenn es zum Beispiel um das Thema kosmetischer Hautbleichung („skinbleaching“) ging – ein hoch politisiertes Thema, da eine hellere Haut unter rassistischen Herrschaftsstrukturen Zugang zu Ressourcen verschaffen kann. Zudem enthielten diese Gruppen auch ein von patriarchalen Strukturen ausgeschlossenes Marktsystem, in dem Frauen Produkte verkaufen und kaufen konnten. Sie waren aber auch Orte lebenswichtiger Diskussionen über Abtreibungen, häusliche Gewalt, rechtliche Hilfe hierzu und ein sicherer Ort, um sich über Gewalterfahrungen auszutauschen. Diese Foren bezeichnet die Journalistin Reem Abbas als hochpolitische und dekoloniale Vernetzungsorte. Sie enthielten ein breites Spektrum an Informationen zu Personen in der Nachbarschaft und wurden mit der Revolution zu einem von den Sicherheitskräften des Regimes nicht zu bremsenden, revolutionären Informationsnetzwerk und Mobilisierungsort.¹³


Sara Abbas fasst die Dynamiken, die von der Revolution ausgingen, wie folgt zusammen:

„Ich glaube, dass der Hunger diese Revolution auslöste, aber dass die Tatsache, sich zu organisieren, das ist, was diesen Funken in ein gewaltiges Feuer verwandelte, in das jede*r seine Missstände als Brennstoff hineinwarf: Armut, Rassismus, Gesetzlosigkeit, Enteignung, patriarchalische Unterdrückung. Die erste Welle der arabischen Aufstände hat uns auch einige warnende Lektionen gelehrt, zum Beispiel darüber, wie schnell die konterrevolutionären Angriffe kommen, und dass wir unsere Straßenbewegungen nicht zu früh zerschlagen sollten, denn sie sind alles, was wir haben.“¹⁴

Die Forderungen, die sich zu Beginn auf den Fall des al-Bashir-Regimes konzentrierten, wurden als Forderungen für die Befreiung von struktureller Gewalt in all ihren Formen laut. Besonders von den autoritären Strukturen des Regimes, einer ungerechten Ressourcenverteilung und Prekarität sowie patriarchaler Gewalt betroffen, stellten Sudanesinnen* eine auffallende Überzahl der Revolutionär*innen dar. Die BBC schätzte Anfang April 2019, dass seit Anfang der Proteste über 70% der Protestierenden auf den Straßen Frauen waren.¹⁵


Was aber bedeutet diese Dynamik und was verspricht sie für nachhaltigen, sozialen Wandel? Was sind die Erfolge sudanesischer Frauen* in ihrem Kampf gegen die sie besonders betreffende strukturelle Gewalt und für positiven Frieden im Sudan?


Frauen* in der Revolution: Im Gespräch mit Raga Makawi und Samia al-Nagar

Raga Makawi bezweifelt, dass sich in der jungen, postkolonialen Geschichte des Sudans eine feministische Tradition im akademischen Sinne erkennen lasse – unter anderem aus Mangel an Textproduktion unter den vorherigen Diktaturen und einer rigider Sparmaßnahmen geschuldeten Unterfinanzierung des Bildungssektors. Frauenbewegungen spielten in der Geschichte der Freiheitskämpfe und vorheriger Revolutionen im Sudan jedoch bereits wichtige Rollen. Besonders in den Strukturen der Kommunistischen Partei ist die Agenda von Gleichstellung und den Rechten von Frauen seit der Gründung der Women's Union 1951 in der jüngeren Geschichte des Sudans stark repräsentiert worden. Diese stark in der Bevölkerung verankerten, lokalen politischen Strukturen seien in den letzten 50 Jahren jedoch maßgeblich durch zivilgesellschaftliche, liberale Projekte, zum Beispiel von nationalen wie ausländischen NGOs, ersetzt worden – ein Phänomen, dass Raga Makawi als „massenideologische Verbreitung von Wirtschaftsprojekten, das die Welt erobert hat: die Liberalisierung jeder Agenda, einschließlich der feministischen” beschreibt. Sie erklärt weiter:

„Da der Sudan aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedingungen vollständig von internationaler Hilfe und Finanzierung abhängig ist, um lokale Projekte zu finanzieren [...], gibt es nie eine vollständige Trennung zwischen internationalen, ideologisch-feministischen Projekten und der Durchführung von Frauenaktivitäten in kleinem Maßstab im Sudan. Sie hängen immer zusammen.“

Raga Makawi und Samia al-Nagar berichten über eine breite Teilnahme sehr unterschiedlicher Frauen aus allen Regionen und Sektoren an dieser Revolution. Ausgenommen davon seien jedoch die Unterstützerinnen der regierenden NCP, wenn auch in einigen Fällen ihre Töchter und Söhne teilgenommen hätten, präzisiert Samia al-Nagar.


Sie berichtet über die lokale revolutionäre Organisation, bei der junge Frauen die Gelegenheit bekamen, sich mit ihrer Nachbarschaft zu vernetzen. Aus ihrer Feldforschung geht auch hervor, dass sehr viele jungen Frauen teilnahmen, die an keine Organisation, Partei oder Gruppe gebunden waren:

„Sie traten heraus, weil sie die Restriktionen des Regimes fühlten und dieser Regierung ein Ende setzen wollten. In dieser Zeit arbeiteten die meisten Frauen – Kommunistinnen, Frauen in Parteien oder Frauen wie ich, die keine politische Orientierung haben – zusammen, weil wir ein kollektives Ziel, eine einende Forderung hatten. Sie lautete: ‚Diese islamische Regierung ist restriktiv und muss gehen.‘“

Wie viele traditionelle Gruppen war die Women’s Union nach Samia al-Nagar sowohl in den Demonstrationen als auch in den Sit-ins präsent. Zudem formte sich zu Beginn der Revolution die „Koalition sudanesischer ziviler und politischer Gruppen“ MANSAM, die aus 16 politischen Frauengruppen, 17 zivilen Frauengruppen (Koalitionen, Gewerkschaften, Frauenforen), 26 zivilgesellschaftlichen Frauenorganisationen (NGOs) und anderen unabhängigen Frauengruppen und Expertinnen besteht. Jüngere, sehr präsente Gruppen waren Noon Movement, die Amna Organization, Alharisat (übersetzt: Wächterinnen), Khamseen („fifty-fifty“-Kampagne für das Recht auf eine 50-prozentige Repräsentation von Frauen in der neuen Regierung) und die Gruppe Medanic Missawya (übersetzt: „Feminismus ist dein Feld“), die sich im Sit-in der Revolution formte und vor allem mit der Sensibilisierung und dem Bekämpfen von Sexismus und sexualisierten Übergriffen beschäftigt war – auch innerhalb der Sit-ins.


Beide Aktivistinnen beobachten jedoch auch das sensible Gleichgewicht zwischen der feministischen Agenda und der nationalen. So berichtet Samia al-Nagar, dass einige Frauen den Kampf gegen die diskriminierenden Gesetze von Anfang an auf der Agenda haben wollten. Sie protestierten gegen das Gesetz über die öffentliche Ordnung („public order law“), das es der Polizei und den Sicherheitskräften erlaubte, Frauen auf Grund eines moralischen Kodexes, wie etwa „unpassender“ Kleidung zu verurteilen und öffentlich zu demütigen. Dieses wurde während der Revolution besonders häufig zur Verhaftung oppositioneller Frauen angewendet. Zudem machten sie sich gegen das Familienrecht („family law“), das dem Vater und den männlichen Entitäten einer Familie offiziell das Recht über die weiblichen Familienangehörigen einräumt, stark.

Sie fährt fort: „In den ersten Tagen des Sit-ins haben wir allein gegen die Regierung im Allgemeinen protestiert und unsere feministischen Forderungen vernachlässigt. Mit der Zeit aber wurden andere Slogans hörbar, die die Forderungen der Frauen in den Vordergrund rückten. „Fifty-Fifty“ war einer davon. Frauen waren der Meinung, dass, da sie die Hälfte der Gemeinschaft darstellen, wenn irgendetwas nach dieser Revolution zustande kommen sollte, ihnen auch die Hälfte davon zukommen sollte. „Fifty-Fifty“ war für lange Zeit eine große Bewegung. Es gab auch laute Stimmen gegen das Familienrecht, aber diese kamen später auf. […] Ich glaube, dass wir da einen Fehler gemacht haben, so wie viele Frauen in den Revolutionen der benachbarten Länder. Wir gaben der nationalen Forderung Priorität und schoben unsere feministischen Forderungen auf. Das ist zumindest meine Analyse. Jetzt ringen wir mit diesem Problem, weil wir unsere feministischen Forderungen nicht priorisiert haben.”


Auch Raga Makawi stellt eine Priorisierung der „nationalen Agenda“ fest:

„Da die Repressionen sehr gewalttätig waren, gab es in den ersten sechs oder sieben Monaten der Revolution nur Raum für einheitliche Tagesordnungen. Die meisten Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Rasse, ihrer Klasse – waren alle in einer Position vereint, die eine Botschaft zusammenfasste: die Abschaffung des Regimes – die Beendigung der Korruption, die Rücknahme der Handlungen und Autorität des Sicherheitsstaates.“

Repression: Spezifisch gegen Revolutionärinnen*

Wissend um die große Anzahl der teilnehmenden Frauen wandten die Sicherheitskräfte des Regimes und später des TMCs auch spezifische Mittel gegen sie an. Nach Raga Makawi gab es neben Tränengas, Schusswaffen – darunter auch Waffen der A-Klasse¹⁶ – sowie körperlicher Gewalt und Verhaftungen zu Tausenden, Faktoren dieser Repressionsmittel, die sich auf Frauen in besonderem Ausmaß auswirkten und Teil einer insbesondere gegen sie ausgerichteten Repressionsstrategie waren. So erläutert sie, dass beispielsweise „die Behandlung von Frauen in den Gefängnissen durch die Sicherheitskräfte – ob auf persönlicher Ebene oder im Rahmen der Sicherheitsordnung“ sich von der der Männer unterschied. Vergewaltigung und körperliche Gewalt seien weit verbreitete Repressionsmittel gegen Frauen gewesen. Hinzu kommt die Tatsache, dass „die Konditionen inhaftierter Frauen, [die] wegen ihrer biologischen Zusammensetzung andere Bedürfnisse und Räume erfordern, […] nicht vorhanden waren.“


Raga Makawi fährt fort:

“Es kommt noch eine zweite Ebene hinzu, die speziell Frauen betrifft. Männer waren auch von Vergewaltigungen betroffen, aber im Falle von betroffenen Frauen gab es keine Verfahren, die die Folge der Schwangerschaft verhinderten. Es gibt eine ganz andere Ebene des kulturellen Backlashs und der Stigmatisierung, bei der Frauen, die Vergewaltigung überleben, als ‚keine Jungfrauen, nicht rein, nicht gut und nicht mehr zu verheiraten‘ bewertet werden.”

Samia al-Nagar betont das Ausnutzen der Angst und des Stigmas gegen Überlebende sexualisierter Gewalt als Teil dieser gezielten Strategie der Unterdrückung durch das Regime und später durch den TMC, sowie die Überwindungskraft und den Mut, die besonders Frauen in dieser Revolution gezeigt haben:

„Es herrschte eine sehr unsichere Lage. Und diese wurde gezielt dafür hergestellt, um Frauen Angst einzujagen und ihre Familien um sie fürchten zu lassen.

Aber obwohl die islamistische Regierung so brutal gegen Frauen vorging, sie schlug, verhaftete und demütigende Worte gegen sie wandte, pochten sie darauf, herauszutreten und sich in die Revolution einzureihen, und zwar in vorderster Reihe. […] Die soziale Revolution begann damit, dass Frauen hinausgingen und in so großer Zahl an Demonstrationen teilnahmen. In unseren Interviews stellten wir fest, dass es für viele Frauen nicht einfach gewesen ist, ihr Haus hierfür zu verlassen. Sie nahmen die Gelegenheit dieser Revolution wahr, um Grenzen zu überwinden, und mussten auch innerhalb ihrer Familien kämpfen, um an ihr teilnehmen zu können. […] Viele junge Frauen bezeugen, dass dies kein einfacher Prozess war. Ihre Familien waren besorgt, dass sie von den Sicherheitskräften vergewaltigt werden könnten, und deshalb wollten sie nicht, dass sie teilnehmen. Nicht, weil die Familien die Revolution nicht unterstützten, sondern weil sie die Brutalität der Sicherheitsleute fürchteten. Die Sicherheitsleute versuchten, sexualisierte Gewalt gegen Frauen, die an der Revolution teilnahmen, anzuwenden, um die Familien zu erschrecken, so dass sie die jungen Frauen und auch Männer von der Teilnahme an der Revolution abhalten könnten.“



Viele junge Frauen, die an Protesten teilnahmen, waren also nicht nur der Gewalt der Repression auf Demonstrationen und Sit-ins ausgesetzt, sondern teilweise auch der Autorität ihrer eigenen Familien, die aus Angst und Sorge um sie ihre Teilnahme ebenfalls zu verhindern versuchten. Nach Samia al-Nagar wurde dies oft mit Formen von verbaler und physischer Gewalt durchgesetzt, die gesellschaftlich und rechtlich jedoch nicht als Gewalt, sondern als Durchsetzung legitimer Autorität angesehen wird. Im Familienrecht des Sudan ist verankert, dass der Familienvater die Autorität über Frauen in der Familie besitzt. Der Prozess, den junge Sudanesinnen in ihren Familien durchlebten, um an den Protesten teilzunehmen, war also bereits mit dem Hinterfragen patriarchaler Strukturen verbunden. Dieses Aufbegehren war auch ein Affront gegen die strukturelle Repression, die der Staat und seine Gesetzgebung im privaten Bereich und den Mikrostrukturen der Gesellschaft verankert. Laut Samia al-Nagar wurden solche Strukturen teilweise auch in den „eigenen Reihen“, den Sit-ins der Revolution, hinterfragt, kritisiert und umgewälzt:

„70 junge Demonstrantinnen, die wir für unsere Forschung interviewten, berichten keine Gewalt seitens anderer Protestierenden erlebt zu haben. In den Sit-ins aber hat es Fälle sexueller Übergriffe gegeben, die zunächst verschwiegen wurden – aus Angst, die Islamisten würden sie gegen die Revolution benutzen können. Für einige Zeit war also nichts darüber zu hören. Später aber brachten junge Frauen diese Themen auf, wie z.B. die Gruppe Medanic Missawya. Sie waren sehr aktiv darin, über solche Vorfälle zu sprechen und dagegen vorzugehen. Ein Fall wurde auch in den Medien bekannt gemacht.

Es gab auch den Fall, dass in Komitees des Sit-ins die Arbeit zwischen Frauen und Männern auf Grund von Stereotypen verteilt werden sollte, z.B. dass Frauen aufräumen sollten. Aber in diesem Fall wurde dies von den Frauen klar abgelehnt und laut dagegen protestiert, sodass Dienste und Arbeit gerecht verteilt wurden und es keine Diskriminierung auf Grund von Stereotypen gab.“


Raga Makawi greift die Thematik patriarchaler und diskriminierender Gewaltstrukturen innerhalb der Sit-ins ebenfalls auf und betont, dass es innerhalb dieser eine Segregation gab, „zwischen denjenigen, die als mainstream angesehen und akzeptiert wurden – Menschen, die eine gemeinsame politische Basis hatten – und einer kleineren Gruppe, die ebenfalls am Sit-in teilnahm, aber deren Aktivitäten, Handlungen und Verhalten als unangemessen betrachtet wurde. Selbst innerhalb des Sit-ins wurde viel darüber diskutiert, wie man mit diesen Menschen – und einige von ihnen waren Frauen – umzugehen sollte. Sie wurden verurteilt und zeitweise direkt oder indirekt angegriffen, weil man sah, dass sie das Sit-in nutzten, um Ideen auszustellen, auszudrücken und zu vermitteln, die der sudanesischen Kultur fremd waren. Zum Beispiel allein die Tatsache, dass Frauen mehrere Beziehungen zu Männern hatten, diese auch im Sit-in auslebten, rauchten, tranken...“


Sie beschreibt weiter: „Innerhalb der sudanesischen Mainstream-Kultur gibt es eine Vorstellung von einem Ruf, besonders wenn es um Frauen geht. Und es gibt eine ganze Liste von „do and don'ts“ hierzu. Und wenn du davon abweichst, dann wirst du „zum Anderen“. Wenn du als Frau zum „Anderen“ wirst, ist dein Körper „ein Gewinn“. Dies geschah also auch innerhalb der Revolution. Und niemand hat diese Menschen verteidigt. Es gab Zwischenfälle von sexueller Belästigung, sexuellem Fehlverhalten – auch von Männern, die Teil der Revolution selbst waren. Diejenigen Männer wurden bei diesen Aktivitäten von der sudanesischen Kultur unterstützt.“


Samia al-Nagar zufolge wurden patriarchale Strukturen, die durch soziologisch verinnerlichte Muster über die einfache Unterscheidung von Regime und Protestierenden hinausgingen, von Frauen in der Dynamik der Revolution also auch intern hinterfragt, denunziert und bekämpft. Raga Makawi macht anderseits darauf aufmerksam, dass sie zu einem Teil auch unsichtbar blieben und nicht genügend denunziert wurden.


Politisierung sexualisierter Gewalt

In ihrem Artikel “Sexual Violence Does Not Stop Sudan's Women From Speaking Up” beschreibt Samia al-Nagar die auf die Gewalt des Ramadan-Massakers folgende Aufmerksamkeit, die dem Thema der gegen Frauen angewandten Gewalt, insbesondere der Massenvergewaltigungen, zukam. Sie erklärt die bisher nach ihr nicht gekannte Unterstützung und Solidarität, die die Überlebenden erfuhren, als soziale Revolution.


Flyer bei einem Protest vor dem Auswärtigen Amt, 20./21.06.2019, Berlin.

Sie erläutert: „Nach dem Ramadan-Massaker wurde eine große Anzahl von Protestierenden [es wird heute von 70 ausgegangen, Anm. d. Verf.] Opfer einer Gruppenvergewaltigung: hauptsächlich Frauen, aber auch einige Männer. Dem Bericht zufolge wurden viele der vergewaltigten Personen identifiziert, aber die Täter wurden noch immer nicht vor Gericht gestellt, die Ermittlungen laufen noch. Einige der Überlebenden, die identifiziert wurden, erhielten im Anschluss von NGOs Unterstützung, viele waren jedoch nicht in der Lage, das familiäre Stigma, das der Vergewaltigung folgte, zu ertragen.

Vor kurzem hat es deswegen auch einen Selbstmordfall gegeben. Ich lese auf Facebook die Posts einiger der überlebenden jungen Frauen. Sie schreiben: ‚Wir sind nicht in der Lage, die Stigmatisierung von seiten unserer eigenen Familien auszuhalten. Sie stigmatisieren uns immer noch für unsere Vergewaltigung und machen uns dafür verantwortlich.‘

Es ist sehr schwierig, über die Revolution im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen gegenüber sexualisierter Gewalt zu sprechen, abgesehen davon, dass es seitdem mehr NGOs gibt, die in diesem Bereich arbeiten und Hilfe anbieten. Es gibt einen Prozess der Aufklärung der Gesundheitsversorger, denn selbst die Gesundheitsversorger und die juristischen Dienstleister stigmatisieren Frauen, die Vergewaltigungen überlebt haben. Einige Organisationen, vor allem in den Städten, führen jedoch Aufklärungsprogramme durch, um Überlebenden sexualisierter Gewalt zu helfen und gegen das Stigma anzukämpfen.

Es ist aber auch wahr, dass bis heute – und das nannte ich einen Indikator für den Beginn einer sozialen Revolution – Menschen in den Sozialen Medien die Frauen, die nach dem Ramadan-Massaker Vergewaltigungen überlebten, mit lauten Stimmen unterstützen, genau wie diejenigen, die brutal zusammengeschlagen und festgenommen wurden. Ihnen wird große Anerkennung und Respekt gezollt. Sie werden hier weder beschuldigt noch stigmatisiert. Und ich würde sagen, das kann als Beginn einer sozialen Revolution bezeichnet werden.“

Raga Makawi sieht die Sensibilisierung der Revolution für strukturelle Gewalt, die spezifisch Frauen trifft, jedoch skeptischer. Ihr zufolge verschwand die Aufmerksamkeit für das Thema und die feministische Agenda im Allgemeinen in der Revolution schnell wieder:

„Die täglichen Entwicklungen einer gewaltsamen Revolution schufen unterschiedliche Vorfälle. Zum Beispiel, wenn eine Frau angegriffen oder vergewaltigt wurde. In der Zeit nach dem 3. Juni-Massaker [Khartum-Massaker, Anm. d. Verf.] wurden viele Frauen vergewaltigt und dieser besondere Vorfall warf einen Schwerpunkt in der darauffolgenden Zeit auf, durch den das Thema der Sicherheit von Frauen, der Frage der physischen Gewalt und der Vergewaltigungen gegen sie, wieder auf die Tagesordnung gelang – aber dann starb es auch schnell wieder. Es wuchs nie genug, um sich zu einer Institution zu materialisieren, die in sich selbst in einem rechtlichen Rahmen dieses Thema aufgegriffen hätte.
Dies könnte an einer Reihe von Gründen liegen. Ich bin nicht mehr vor Ort, also kann ich nicht genau sagen, wie Institutionen funktionieren, aber ich würde sagen, dass sudanesische Frauen kein einheitlicher Block als solcher sind. Ihre Interessen und Themen sind nicht dieselben. Sie sind nicht organisiert. Die Frauen, die während der Revolution im Zentrum standen, und diejenigen, die jetzt in der Übergangsregierung Ämter besetzen, sind Frauen aus der Mittelschicht. Sie haben bestimmte Hintergründe. Das patriarchalische System in seiner jetzigen Form unterdrückt sie offensichtlich, versorgt sie aber auch mit gewissen Privilegien und Schutz. Es ist also eine Art Gleichgewichtssituation. Sie bekommen einige Dinge und im Gegenzug müssen sie etwas zurückgeben, damit sie es behalten. Aber diese Frauen können nicht behaupten, im Namen der enteigneten Frauenmassen zu sprechen; der Frauen aus der Arbeiterklasse, der Frauen, die im informellen Sektor arbeiten. Denn, wenn diese physisch angegriffen werden, ist das ein ganz anderes Spiel. Das Gesetz wird für sie nicht auf die gleiche Weise angewandt. Das könnte also ein Grund sein.“

Legaler Kontext und Kampf um juristische Reformen für Gerechtigkeit

Bereits seit den 1970er Jahren war die sudanesische Politik von feministischen, juristischen Forderungen geprägt. Samia al-Nagar zufolge kämpften die seither und auch in der aktuellen Revolution von autoritären Regimen stark verfolgten Republikaner unter Mahmud Muhammed Taha und die Bewegung der Republican Sisters sehr aktiv für das Abbauen frauenfeindlicher Gesetze im Islam. Sie forderten eine Auslegung des Islam, in welcher Frauen die gleichen Rechte wie Männer genießen sollten. Diese versuchten sie im sudanesischen Gesetz, das bis heute zum Teil auf einer Auslegung der Sharia begründet ist, durchzusetzen. Mahmud Muhammed Taha wurde unter der Diktatur an-Numeiris, höchstwahrscheinlich durch das Regime, ermordet.¹⁷


Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema sexualisierte Gewalt hat in den letzten Jahren im Sudan zugenommen. Die Klage des Internationalen Strafgerichtshof gegen den Präsidenten al-Bashir, der für Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen – darunter auch Massenvergewaltigungen – im Kontext des Darfurkonflikts 2005 zur Verantwortung gezogen wurde, erlaubte es, sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe im nationalen wie internationalen Kontext zu politisieren. Im Kontext des 2005 beschlossenen CPA (Comprehensive Peace Agreement) und der darauf folgenden Aufklärung der Kriegsverbrechen des sudanesischen Bürgerkriegs, gewann auch das Thema sexualisierter Gewalt öffentliche Aufmerksamkeit. Darauffolgend wurde über Reformen im Sexualstrafrecht diskutiert. 2010 und 2015 wurden dem zufolge zwei Reformen durchgesetzt. Letztere betraf den Criminal Act von 1991, in welchem Vergewaltigung als zina (Ehebruch) ohne Einverständnis definiert wird, was schwerwiegende Folgen in der Beweisdarlegung für Vergewaltigung haben kann und es Überlebenden fast unmöglich macht, gegen Vergewaltigung vor Gericht zu klagen. Zudem besteht hierdurch sogar das Risiko, dass sich die Anklage gegen die Klagenden selbst dreht und sie vor Gericht für den „Ehebruch“ verantwortlich gemacht werden. Samia al-Nagar fasst zusammen:

„Wenn du eine Vergewaltigung nicht beweisen kannst, wirst du zum Täter. [...] Das Gesetz geht von der Prämisse aus, dass ein Vergewaltigungsopfer ein*e Lügner*in ist.“¹⁸

Die meisten Fälle von Vergewaltigung werden nach einer aus dieser resultierenden Schwangerschaft vor Gericht gebracht. Im Gesetz ist auch verankert, dass jede Geburt, die in einem Krankenhaus ohne Angabe des Vaters registriert wird, den Autoritäten mitgeteilt werden muss.


Besagte, 2015 eingeführte Reformen des Criminal Acts von 1991 blieben partiell. Sich im Sudan auf legalem Wege gegen Vergewaltigung zu wehren, bleibt bis heute sehr schwer und sogar gefährlich. Doch die Politisierung von Vergewaltigung als Kriegswaffe führte zu nationaler und internationaler Sichtbarkeit dieses Themas und der Mobilisierung und Zusammenarbeit nationaler und internationaler Organisationen. Zugleich beschreibt Samia al-Nagar ein Erschweren der Arbeit der Organisationen in diesem Feld, da diesen gegenüber großer Argwohn seitens der Regierung al-Bashirs herrschte. Aktivistinnen* wurden hierbei sogar der Spionage für den Internationalen Strafgerichtshof beschuldigt, die aktivistische Arbeit also kriminalisiert und erschwert. Auch stellt Samia al-Nagar fest, dass eine große Spaltung zwischen Aktivistinnen* und islamischen Reformistinnen* den Kampf um legale Reformen erschwerte. Bis zum Fall al-Bashirs ging die aktivistische Arbeit, vor allem von Organisationen, für die Reform von Gesetzen und Sichtbarkeit dieser Themen im öffentlichen Diskurs also langsam, aber stetig voran.


Ein auffallendes Ereignis ist die Aussage der mutigen Aktivistin Safiya Ishag, die Teil der regierungskritischen politischen Gruppe Grifna war und von Männern der Sicherheitskräfte vergewaltigt wurde. Sie veröffentlichte ein Video, in dem sie diese Erfahrung erzählt und sichtbar macht.¹⁹ Samia al-Nagar zufolge jedoch hatte dies erst zu Zeiten der Revolution Folgen für den öffentlichen Diskurs.


Nach dem Umsturz: Legale Reformen und Nachhaltigkeit des revolutionären Kampfes gegen patriarchale Strukturen

Was hat sich nach der Übernahme der Übergangsregierung im Sudan spezifisch für Sudanesinnen* verändert und für welche Sudanesinnen*? Samia al-Nagar fasst die allgemeine Lage wie folgt zusammen:

„Ich habe keine Beweise dafür, dass die Dinge unter der Übergangsregierung anders sind. Zunächst einmal, weil sich der Wandel nach wie vor auf die städtischen Gebiete und auf Khartum konzentriert. Die Situation der Regierung hat sich nicht in allen 17 Staaten verändert, da dort immer noch die gleichen Gouverneure im Amt sind, die von den Islamisten ernannt wurden. Es sind also immer noch die gleichen regierenden Gruppen an der Macht, außer in Khartum. Dort versuchen die Menschen gegen die islamistische Regierung vorzugehen und sie werden von der zivilen Regierung unterstützt. Von einem Wandel diesbezüglich zu sprechen ist im Allgemeinen aber schwierig.


Bis heute gibt es keine Reformen und keine neuen Gesetze, weil wir auf die Bildung der gesetzgebenden Versammlung warten und diese immer noch verhandelt wird. Aber sie haben beschlossen, das Gesetz über die öffentliche Ordnung („public order law“) aufzuheben. Das ist das Einzige, was bisher geschehen ist. Die diskriminierenden Gesetze wurden noch nicht abgeschafft. Das Familienrecht („family law“) zum Beispiel ist sehr diskriminierend gegenüber Frauen. Wir fordern, dass es von einem religiösen in ein ziviles Gesetz umgewandelt wird.


Auch bestimmte Artikel des Strafrechts müssen unserer Meinung nach geändert werden. Die Ministerin für Arbeit und soziale Entwicklung hat mehrmals versprochen, dass das Familienrecht reformiert wird, und sie hat sich auch für die Kriminalisierung von weiblicher Genitalverstümmlung und für eine Änderung des gesetzlichen Heiratsmindestalters ausgesprochen.


Wir warten also ab. Aber bis jetzt ist es schwierig zu sagen, ob es einen wirklichen Wandel geben wird, weil die Übergangsregierung noch jung ist [6 Monate, Anm. d. Verf.] und die Islamisten noch immer Schwierigkeiten damit machen. Das diskriminierende Familienrecht wird nach wie vor angewandt.

Die Sicherheitslage für Frauen im öffentlichen Raum hingegen hat sich gebessert, da viele Übergriffe zuvor durch die Sicherheitskräfte und Polizei ausgeübt wurden. Frauen werden von der Polizei nicht mehr wegen ihrer Kleidung festgenommen. Denn die Sache mit der Kleidung steht auch im Strafgesetzbuch von 1991. Dieser Artikel wurde zwar noch nicht aufgehoben, aber trotzdem: Weil wir jetzt eine demokratische Zivilregierung haben, sind die Sicherheitsleute viel vorsichtiger.“

Sie fügt hinzu, dass es unter den jetzigen Konditionen für Organisationen leichter ist, zu arbeiten und zum Beispiel Dienstleistungen für Überlebende sexualisierter Gewalt bereitzustellen. In Bezug auf den Wandel der Wahrnehmung geschlechtsspezifischer Gewalt und insbesondere der Stigmatisierung Überlebender sexualisierter Gewalt erklärt sie:

„Es ist sehr schwierig, das Politische vom Sozialen zu trennen. Sie sind miteinander verbunden. Wir können die Revolution als eine politische Gelegenheit für gesellschaftliche Veränderungen betrachten, die wir jetzt erleben. Zum Beispiel erleben wir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Freiheit. Seit langer Zeit kommen wir zusammen, ohne Angst zu haben, dass wir von den Sicherheitskräften inhaftiert werden. Wir erleben also eine neue Art von sozialer Interaktion, Gespräch und Denken in Freiheit. Wir brauchen vielleicht etwas Zeit, denn kulturelle Fragen lassen sich in kurzer Zeit nur sehr schwer ändern. Aber es gibt einige Veränderungen, die uns sehr optimistisch machen können, dass es weitere Veränderungen geben wird.



Schon während des islamistischen Regimes hat es viele Organisationen in verschiedenen Staaten gegeben, die gegen sexualisierte Gewalt arbeiteten und aufklärten, um das Schweigen zu brechen. Ich habe an der Evaluierung von 22 verschiedenen Projekten gearbeitet, wovon sich 18 mit der Aufklärung von sexualisierter Gewalt befassten, in etwa sieben oder acht Staaten [Bundesstaaten des Sudan, Anm. d. Verf.]. Es gab also bereits vor der Revolution Mobilisationen und Aufklärungsarbeit gegen sexualisierte Gewalt, gegen die Stigmatisierung von Überlebenden und über die Bedeutung der Bereitstellung von Dienstleistungen in diesem Bereich, und ich kann mit Zuversicht sagen, dass die jüngsten Entwicklungen eine Gelegenheit darstellen, Stimmen gegen sexualisierte Gewalt noch lauter werden zu lassen.


Und nicht nur das. Wir fordern jetzt neue Gesetze, die uns wirklich soziale Gerechtigkeit bringen. Wir wollen mehr Bestrafung für die Täter und ein Ende der Straffreiheit. Jetzt sind unsere Stimmen sehr laut und ich denke, dass die Aufhebung des Public Order Law ein Schritt ist, weil ein Teil der Übergriffe durch die Ordnungspolizei und die Sicherheitskräfte erfolgt ist. Es wird uns nun leichter fallen, als Aktivist*innen in diesem Bereich zu arbeiten, damit den Frauen im Sudan ihre Rechte gegeben werden und sie gegen sexualisierte Gewalt ankämpfen können.


Ich würde sagen, wenn heute ein Fall von Vergewaltigung bekannt wird, wird er meistens von der Gemeinschaft unterstützt. Es gibt allgemein mehr Unterstützung und weniger Stigmatisierung.


Aber ich kann das auch nicht verallgemeinern, dazu müsste ich eine neue Recherche machen. Als Sozialanthropologin kann ich jedoch sagen: Ja, es ist ein guter Samen für eine soziale Revolution, weil die Stigmatisierung von Frauen, die Vergewaltigung überlebt haben, von Aktivist*innen und der Gesellschaft im Allgemeinen abgenommen hat. Was hingegen meist bleibt, ist das Stigma innerhalb der eigenen Familien.“


Raga Makawi sieht dies mit etwas mehr Skepsis. Generell sieht sie die jetzige politische Situation im Sudan als in vielerlei Hinsicht immer noch problematisch an:

“In der ersten Zeit nach der Wiedereinsetzung der neuen Übergangsregierung wurde eine andere Art von struktureller Gewalt spürbar, die die alte ablöste. Es war nicht mehr die schwere Hand des Sicherheits-Establishments, sondern das sozioökonomische und soziokulturelle Gefüge, das im Sudan schon immer bestand und unvermindert bestehen blieb.


Die Zugänglichkeit des Staates oder der neuen Regierung für bestimmte Klassen, während Bedürfnisse oder Probleme von Frauen anderer Klassen benachteiligt werden, bedeutet, dass diese Gewaltstruktur neu geordnet wird. Es gibt ein kleines Stück Reform an der Spitze, während der unterste Teil der Pyramide weiterhin ignoriert wird.


Es geht hierbei nicht nur um die Beteiligung an der Politik, sondern auch darum, dass die Regierung Politiken anpassen müsste, damit sie den spezifischen Bedürfnissen der am stärksten gefährdeten Bevölkerung entsprechen. Schauen wir uns die Situation mit dem Coronavirus an und wie damit umgegangen wird: Über 80 Prozent des informellen Sektors in Sudan sind Frauen – Verkäuferinnen oder Frauen, die von ihrer Arbeit in der Dienstleistungsbranche leben. Sie leben von der Hand in den Mund. Der Sudan hat gestern [23. März 2020, Anm. d. Verf.] eine Ausgangssperre verhängt, was bedeutet, dass die meisten von ihnen ihre Einkommen nicht mehr erhalten werden. Aber anders als im Westen gibt es keine Maßnahmen, die sicherstellen, dass sie Zugang zu Nahrungsmitteln erhalten, um zu überleben.


Ein weiteres Beispiel ist das sehr problematische Familienrecht („family law“) im sudanesischen Gesetz. Es gibt den Männern und Ehemännern unverminderte Rechte über ihre Frauen und ihre Kinder. Vor einigen Monaten gab es eine riesige Kampagne mit Streiks und anderen Aktivitäten und Mobilisierungen, die die Regierung zum Einschreiten zwang. Doch es wurde nichts unternommen. Das liegt daran, dass dies wahrscheinlich als „keine Priorität“ betrachtet wird.


Eigentlich aber geht es um den Kern eines machtdynamischen Problems. Wenn man das Familienrecht im Sudan reformiert, passt man die Machtpolitik grundsätzlich an. Man korrigiert den Gesellschaftsvertrag und macht ihn gerecht. Damit sind Konsequenzen verbunden, und die Regierung will sich auf diese Ebene nicht einlassen.


Für Frauen aus der Mittelschicht bedeutet die Aufhebung des Public Order Law, dass sie jetzt an Orten arbeiten können, wo sie es zuvor nicht konnten, ohne sich Sorgen zu machen, dass sie belästigt werden. Das ist klar. Aber was ist mit dem Rest der verschiedenen Segmente der Gemeinschaft und Gesellschaft?


Die rechtliche Aussetzung dieses Gesetzes hat eigentlich nicht viel an willkürlichen Verhaftungen und Übergriffen geändert, die unter einen „Moralkodex“ fallen. Die Einheiten innerhalb der Polizei, die mit der Ausführung dieses Moralkodex betraut waren, sind nicht mehr existent oder aktiv. Aber die Realität ist, dass das Moralgesetz nur ein Deckmantel für das war, was eigentlich ein Steuersystem ist.

Die Frage ist: Verlangt die Polizei immer noch von armen Teilen der Gesellschaft zu hohe Steuern? Hat sie nur ihr Narrativ geändert, aber verlangt sie weiterhin von Frauen, die arm sind, Steuern zu zahlen, die zu hoch für ihre Mittel sind?“


Die Frauen* im Sudan haben ihre Freiheit in der Revolution mutig erkämpft. Doch der Kampf gegen strukturelle Gewalt, für den Umbruch einer patriarchalen Machtdynamik und ökonomischer Strukturen, die vom globalen Kapitalismus geschaffen und aufrecht erhalten werden, ist ein langwieriger; er ist nichts weniger als das Schaffen einer neuen Ordnung, in der der Gesellschaftsvertrag korrigiert und gerecht gemacht wird.




Quellen und Anmerkungen:

1 Das Interview mit Raga Makawi wurde am 24.03.2020 via Internet aus London in englischer Sprache geführt und in Berlin transkribiert. Die vollständige Transkription des Gesprächs ist am 12.04.2020 in Originalsprache im shades magazine erschienen und unter folgendem Link abrufbar: https://theshadesmag.wordpress.com/2020/04/12/an-interview-with-the-sudanese-activist-raga-makawi/?fbclid=IwAR24hlkSnsdp7IUpl405YP8JyuOCAYLZO19GzZnNBncxgmUt-qyhrGa-Hdc#prettyPhoto.

Das Interview mit Samia al-Nagar wurde am 06.04.2020 aus Khartum via Internet geführt und in Berlin aufgenommen.

Beide Interviews wurden von der Verfasserin transkribiert und in die deutsche Sprache übersetzt.

2 Vgl. Historical materialism (2019): Uprising in Sudan: Interview with Sudanese Comrades. http://www.historicalmaterialism.org/blog/uprising-sudan-interview-with-sudanese-comrades. Abgerufen am 16.07.2020.

3 Vgl. Die Zeit (2019) : Afrikanische Union suspendiert Sudan. https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-06/khartum-massaker-sudan-afrikanische-union-suspendierung. Abgerufen am 16.07.2020.

4 Vgl. Flyer von Sudan Uprising Germany.

5 Vgl. Chr. Michelson Institute (2019): Sexual Violence does not stop Sudans Women from Speaking up. https://www.cmi.no/publications/6999-sexual-violence-does-not-stop-sudans-women-from-speaking-up. Abgerufen am 16.07.2020.

6 Vgl. Deutsche Welle (2019): Abkommenfür Übergangsregierung im Sudan unerzeichnet. https://www.dw.com/de/abkommen-f%C3%Bcr-%C3%Bcbergangsregierung-im-sudan-unterzeichnet/a-50064915. Abgerufen am 16.07.2020.

7 Vgl. Historical materialism (2019): Uprising in Sudan: Interview with Sudanese Comrades. http://www.historicalmaterialism.org/blog/uprising-sudan-interview-with-sudanese-comrades. Abgerufen am 31.07.2020.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. z.B. Helberg, Kristin (2018): Syrienkrieg: Lösung eines Weltkonflikts. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag. Kapitel 1 und 2.

10 Von der Autorin übersetzt aus dem Englischen: “You are racist and arrogant. We are all Darfur!”. In: Historical materialism (2019): Uprising in Sudan: Interview with Sudanese Comrades.

11 Vgl. Le Monde diplomatique (2020): Où va la “Révolution de Septempre” au Soudan? https://www.monde-diplomatique.fr/2020/05/ACHCAR/61782. Abgerufen am 16.07.2020.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Abbas, Reem (2019) Women fb groups for the Sudanese Revolution. https://thefunambulist.net/podcast/daily-podcast-12-reem-abbas-womens-fb-groups-for-the-sudanese-revolution. Abgerufen am 16.07.2020.

14 Von der Autorin aus dem Englischen übersetzt: “I actually think hunger is what started the revolution, but organizing is what turned that spark into a massive fire in which everyone threw their grievances as kindle: poverty, racism, lawlessness, dispossession, patriarchal oppression. The first wave of Arab uprisings taught us some cautionary lessons also, for example about how fast and deep the counter-revolutionary attacks come, and that we should not dismantle our street movements too soon because they are all we’ve got.”, in: Historical materialism (2019): Uprising in Sudan: Interview with Sudanese Comrades.

15 Vgl. BBC (2019): Letter from Africa: ‘We’re not cleaners’ – Sexism amid Sudan protests. https://www.bbc.com/news/world-africa-47738155. Abgerufen am 16.07.2020.

16 Als solche gelten nach der EU-Waffenrichtlinie: „Kriegsschusswaffen der Nummern 29 und 30 der Kriegswaffenliste (Anlage zu § 1 Abs. 1 des Gesetzes über die Kontrolle von Kriegswaffen), 1.2. vollautomatische Schusswaffen, 1.3. als anderer Gegenstand getarnte Schusswaffen, 1.4. Pistolen- und Revolvermunition mit Expansivgeschossen sowie Geschosse für diese Munition mit Ausnahme solcher für Jagd- und Sportwaffen von Personen, die zur Benutzung dieser Waffen befugt sind, 1.5. panzerbrechende Munition, Munition mit Spreng- und Brandsätzen und Munition mit Leuchtspursätzen sowie Geschosse für diese Munition, soweit die Munition oder die Geschosse nicht von dem Gesetz über die Kontrolle von Kriegswaffen erfasst sind.“ Waffengesetz (WaffG), Anlage 1 (zu § 1, Abs. 4), https://www.gesetze-im-internet.de/waffg_2002/anlage_1.html. Abgerufen am 14.10.2020.

17 Vgl. Tønnessen, Liv; Al-Nagar, Samia (2015): Women’s Equal Rights and Islam in Sudanese Republican Thought: A Translation of Three Family Booklets from 1975, Published and Circulated by the Republican Sisters. https://www.cmi.no/publications/5605-womens-equal-rights-and-islam-in-sudanese. Abgerufen am 16.07.2020.

18 Von der Autorin aus dem Englichen übersetzt: “If you cannot prove rape you become the perpertor... The law starts from the premise that a rape victim is a liar.”, in: Tønnessen, Liv; Al-Nagar, Samia (2015): Women’s Equal Rights and Islam in Sudanese Republican Thought.

19 Das von Safya Ishag veröffentlichte Video ist unter folgender Internetquelle abzurufen: https://www.youtube.com/watch?v=4qMQ22lLoCY. Abgerufen am 31.07.2020.

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