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Eine Dekonstruktion der europäischen Glorifizierung anhand der Friedenstheorie Johan Galtungs und gegenwärtigen zivilgesellschaftlichen Aktivismus

Lies Teil 1 über das Friedenskonzept von Johan Galtung, Ungerechtigkeiten in Deutschland und Europa wie zum Beispiel im Fall der Geschlechtergleichstellung und zur Problematik des Eurozentrismus hier: Gegen den Mythos: Warum es in Europa keinen Frieden gibt – Teil 1

Lies Teil 2 über Gewalt und Ungerechtigkeiten im deutschen Strafvollzug hier: Gegen den Mythos – Teil 2: Strafvollzug in Deutschland

Positiver Frieden durch Mut zur Utopie

Es gibt keinen positiven Frieden; zudem sieht es so aus, als ob er in weiter Ferne liegt – wahrscheinlich niemals komplettiert wird. Die desolate Lage in der Europäischen Union erwirkt Skeptizismus und Defätismus, so gibt sich positiver Frieden unerreichbar. Zudem müsste positiver Frieden global erfüllt werden. Möglich wäre dies, wenn überall die Existenz vollständigen negativen Friedens gesichert wird und die dargelegten Werte flächendeckend und ohne Ausnahmen das Miteinander prägen. Zudem stellt nach der Erfüllung der Kriterien ihr dauerhaftes Aufrechterhalten eine weitere Herausforderung dar. Ist positiver Frieden also eine Utopie? Und was bedeutet es, Utopien zu haben?


Gewiss ist universaler positiver Frieden gegenwärtig utopisch und seine Umsetzung kaum vorstellbar – lediglich als Gedankenexperiment wie Pax denkbar. Doch Utopien sind wichtig und motivierend, denn was ist die Menschheit ohne Träume? Der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich postuliert:

„Mensch sein heißt Utopien haben.”¹

Solange man an Utopien nicht glaubt, wird man nicht nach ihnen streben und sie somit nicht realisieren können. Bekanntlich ist aller Anfang schwer. Dennoch ist es unentbehrlich, gegebene Umstände zu hinterfragen und wenn nötig zu kritisieren, sich zu solidarisieren und zivilgesellschaftlich aktiv zu werden. Wie dieser wichtige Anfang aussehen kann und welche Erfolge dieser mit sich bringt, berichteten uns Aktivist*innen wie Saeed. Ein weiteres Exempel bildet die Seebrücke. Fortführend wird die zivile Seenotrettung und ihr Engagement betrachtet.


Die Zivilgesellschaft – Lückenfüllerin zwischen europäischer Abschottungspolitik und humanitärem Imperativ

Aufgrund der europäischen Abschottungspolitik ist zivile Seenotrettung konstitutiv für den humanitären Imperativ, welchen sich die EU zuschreibt. Mit Blick auf Pax lässt sich festhalten, dass dort keine zivile Seenotrettung notwendig ist. Begründet liegt dies darin, dass zum einen keine Flucht vor menschlicher Gewalt und Ungleichheit notwendig ist, und zum anderen die staatlichen Institutionen auf Pax umfassende und koordinierte Rettungsmissionen garantieren.


In der EU gibt es keine flächendeckende staatliche Rettungsmission auf See. Teile der Zivilgesellschaft haben es sich deswegen zur Aufgabe gemacht, diese Lücke zu füllen. Zurzeit spalten wenige Themen in der EU Politik und Gesellschaft stärker als dieses. Ein verbreitetes Argument gegen zivile Seenotrettung greift der Bundeskanzler der Republik Österreich Sebastian Kurz auf, indem er postuliert: „Private Seenotrettung führt zu mehr Toten“². Damit bedient sich Kurz der Argumentation, Seenotrettung sei ein „Pullfaktor“. Der Vorwurf stützt sich auf die These, dass Menschen auf der Flucht die Überfahrt nur wagten, da sie davon ausgingen, im Ernstfall von Seenotretter*innen geborgen zu werden. Empirisch ist dies allerdings widerlegt worden. Mehrere wissenschaftliche Studien, unter anderem eine umfassende Studie der Oxford-Universität „Border Deaths in the Mediterranean. What we can learn from the newest data.“³ und die Studie des Migration Policy Center „Sea Rescue NGOs: a Pull Factor of Irregular Migration?“⁴ untersuchten diesen sogenannten Pullfaktor – ein rechtspopulistisches Narrativ – umfassend. Beispielhaft wird an dieser Stelle auf die Studie des Migration Policy Centers eingegangen. Das Forscherteam analysierte die verfügbaren Daten des Zeitraums vom 1. Januar bis zum 27. Oktober 2019 auf einen Pullfaktor hin. Dafür wurde für diesen Zeitraum überprüft, an welchen Tagen Schiffe ziviler Seenotretter*innen in der Nähe der Küste Libyens zugegen waren und wie viele Boote mit flüchtenden Personen eine Überfahrt versuchten. Die Studie kommt, ebenso wie zahlreiche vergleichbare Empirie, zu dem Ergebnis, dass der Vorwurf, zivile Seenotrettungsschiffe sei ein Pullfaktor, nicht haltbar ist. Die Auswertung der Daten zeigt, dass es keine Korrelationen zwischen der Anwesenheit der Schiffe ziviler Seenotrettungsorganisationen und angestrebten Überfahrten flüchtender Personen gibt. Stattdessen korrelieren die Wetterbedingungen hoch mit den angestrebten Überfahrten.


1 Seebrücke (2020): Kommunen auf dem Weg zum Sicheren Hafen. https://seebruecke.org/startseite/sichere-haefen-in-deutschland/. Abgerufen am 29.02.20.ewalt gegenüber Geflüchteten als Nebenprodukt ihrer Politik beziehungsweise unterlassen Hilfeleistung. Neben den problematischen Methoden von Frontex wird das Verhalten der griechischen Regierung, welche Wasserwerfer und Tränengas gegen Geflüchtete einsetzt, von der EU gestützt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen dankte Griechenland dafür, das „Schild Europa[s]“ zu sein, und versprach finanzielle Hilfe in Höhe von 700 Millionen Euro.⁵ Im März 2016 vereinbarten die Europäische Union und die Türkei ein Abkommen, welches primär Flucht nach Europa minimieren soll. Am 28. Februar 2020 öffnete die türkische Regierung, infolge des Bürgerkrieges in Syrien 2020 und Uneinigkeiten über die Finanzierung des Abkommens, ihre Grenze für Migrant*innen nach Bulgarien und Griechenland erneut – diese Grenzöffnung der Türkei gilt als faktisches Ende des EU-Türkei-Abkommens. Geflüchtete, die sich aufgrund dessen in Booten vor der Küste Griechenlands befanden, wurden von Rechtsradikalen „empfangen“.⁶ ⁷ Darüber hinaus wurden Journalist*innen und Helfer*innen angegriffen und verfolgt – die Lage bleibt angespannt. Zudem setzte Griechenland das Asylrecht für einen Monat aus.


Die durch Rechtspopulismus und Rechtsextremismus angetriebene drohende Spaltung der Gesellschaft und der Anstieg direkter Gewalt erweitern negativen Frieden. Psychische Gewalt, in Form von Beleidigungen, Drohungen und weiterer emotionaler Verletzung, verursacht eine Verlagerung negativen Friedens hin zu Unfrieden, da sie als Angriffe auf die Würde und Integrität des Menschen zu verstehen sind.


Seebrücke ermöglicht Recht auf Recht

Das Bündnis Seebrücke ist eine internationale, zivilgesellschaftliche Bewegung für die Entkriminalisierung ziviler Seenotrettung und gegen die europäische Abschottungspolitik. Die 2018 gegründete Seebrücke ist dezentral organisiert und wird von verschiedenen Bündnissen und Akteur*innen der Zivilgesellschaft getragen. Im Mittelpunkt steht die Solidarisierung mit allen Flüchtenden und die an politische Akteur*innen gerichtete Forderung, (europaweit) sichere Fluchtwege zu schaffen. Ihrem Engagement sind die Vorwürfe der Abschottung Europas und der irreführenden politischen Machtkämpfe immanent. Das Bündnis wird von mehr als 70 Organisationen unterstützt und unterhält eine enge Zusammenarbeit mit dem Verein Sea-Watch. Wir sprachen mit den Aktivist*innen Julia S. und Daniel K., um mehr über die Seebrücke Potsdam und ihr Engagement zu erfahren.⁹


Wie sieht das Engagement der Seebrücke Potsdam aus?

Julia: „Die Seebrücke Potsdam ist eine Ortsgruppe der überregionalen Organisation Seebrücke, deren Ziele wir natürlich in erster Linie verfolgen. Übergeordnete Ziele sind die Organisierung der Aufnahme von aus Seenot geretteten Menschen, die Schaffung von sicheren Fluchtwegen und das menschenwürdige Ankommen in den Städten. Wir als Ortsgruppe versuchen, dazu auf kommunaler Ebene einen Beitrag zu leisten. Deshalb war es eines unserer ersten Ziele, Potsdam zu einem sicheren Hafen zu machen.“


Wie schätzt ihr die aktuelle Situation ein? Und womit beschäftigt sich die Seebrücke Potsdam momentan konkret?

Daniel: „Die letzte Aktion war Anfang November. Wir haben eine kleine Demo vor dem Rathaus Potsdam gemacht, zum Jahrestag von dem Beschluss¹⁰, in dem sich Potsdam zum Offenen Hafen erklärt. Der Beschluss wurde 2018 in der Stadtverordnetenversammlung verabschiedet. Diese Demo hat dann die Personen, die gerade zu ihrer Sitzung gingen, nochmal daran erinnert, dass wir an diesem Beschluss festhalten und wie wichtig es ist, dass Potsdam ein sicherer Hafen bleibt. Das sind auf lokaler Ebene die konkreten Ziele in greifbarer Nähe. Natürlich haben wir aber auch idealistische Ziele – wo wollen wir als Gesellschaft hin? Wie soll die Gesellschaft mit Rassismus umgehen?“

Julia: „Dieser Beschluss, den wir in der Stadtverordnetenversammlung eingereicht haben, beinhaltet sieben Forderungen, für die der Oberbürgermeister sich einsetzen soll und durch die Potsdam zu einem sicheren Hafen gemacht wurde. Das ist für uns eine ganz wichtige Grundlage unserer Arbeit und wir setzen uns sehr dafür ein, dass die Forderungen auch tatsächlich umgesetzt werden. Diese gehen dahin, dass die Stadt über das Soll hinaus Geflüchtete aufnimmt, die Seenotrettung unterstützt wird und auch eine Patenschaft für eine Mission der Seenotrettung übernommen wird.“


Wie erlebt ihr die Entwicklung von ehemals vermeintlich unpolitischen Personen hin zum politischen Engagement?

Julia: „Die Menschen, die zu uns in die Gruppe kommen, sind selten vorher ganz unpolitisch gewesen, sondern sie haben schon irgendwie soziales oder politisches Kapital. Meistens werden die Leute durch Veranstaltungen wie Demos, Infostände oder Diskussionsveranstaltungen auf uns aufmerksam. Für manche ist es allerdings auch das erste Mal, dass sie sich wirklich in einer Gruppe politisch engagieren.“


Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft bei der Seenotrettung?

Julia: „Ich glaube, dass die Zivilgesellschaft eine ganz wichtige Rolle spielt. Einerseits natürlich, weil die offizielle Seenotrettung der EU eingestellt wurde und sie komplett von zivilgesellschaftlichen Rettungsbooten übernommen wurde. Das heißt, die Helfer und Helferinnen arbeiten fast alle ehrenamtlich, mit viel Engagement und ganz viel Aufwand. Andererseits ist es für die Leute auf den Booten aber auch sehr wichtig, dass es Rückhalt in den Städten und Solidarisierung mit der Seenotrettung gibt. Letztens war die Schiffsärztin der Alan Kurdi bei uns eingeladen. Sie hat das ebenfalls betont und meinte, dass die Situation nach einer Rettung auf dem Seenotrettungsschiff sehr angespannt und demoralisierend ist, da die Schiffe immer wieder abgewiesen werden. In dieser Situation sei es unheimlich wichtig zu wissen, dass es in den Städten in Europa Menschen gibt, die sich dafür interessieren und die ein Auge darauf haben, sodass die Menschen nicht alleine sind, sondern Rückhalt bekommen.“

Daniel: „Seitdem es die Seebrücke in Deutschland oder Europa gibt, sind wir schon ein bisschen ein politischer Faktor geworden und machen Druck auf die Politik. Ich meine, es werden nicht gleich Berge bewegt, aber wir sind schon präsent und werden auch auf politischer Ebene wahrgenommen.“


Wie schätzt ihr die Rolle der EU in diesem Zusammenhang ein, insbesondere mit Blick auf den Schutz der Menschenrechte und gesamteuropäischer Verantwortung?

Julia: „Man muss schon ganz klar sagen, dass die EU, in außenpolitischer Hinsicht, eine sehr klare Abschottungspolitik betreibt. Da wird alles dafür getan, dass die Grenzen vor Menschen von außerhalb abgesichert sind und legale Fluchtwege unterbunden werden. Deshalb sehe ich das so, dass die EU schon dafür verantwortlich ist, dass tausende von Menschen sehr gefährliche Fluchtrouten auf sich nehmen müssen und viele dabei ums Leben kommen. Es gibt aber auch auf EU-Ebene teilweise den Willen, daran etwas zu ändern und somit ganz interessante Ansätze. Für uns ist der Vorschlag von Gesine Schwan spannend, der beinhaltet, einen EU-Fond einzurichten, von dem aufnahmewillige Städte oder Gemeinden Unterstützung bekommen, wenn sie gerettete oder geflüchtete Personen aufnehmen. Ich habe die Hoffnung, dass sich das vielleicht grundsätzlich in eine solche Richtung entwickeln kann.“


Schätzt ihr das Verhalten der Bundesregierung ähnlich wie das der EU ein?

Daniel: „Das ist insofern nochmal anders, als dass die EU die übergeordnete Ebene ist, die unmittelbarer für die Seenotrettung verantwortlich wäre. Die Bundesregierung ist im Vergleich zu gewissen anderen europäischen Regierungen sogar eher etwas progressiver. Aber effektiv etwas tun, tun sie letztendlich eben auch nicht. Das Problem ist auch nicht zwei, drei oder fünf Jahre alt. Sondern es existiert schon seit den 2000er Jahren, als man das erste Mal davon gehört hatte, dass Menschen auf dem Weg nach Europa gestorben sind. Es gibt diesen Unwillen, an der Situation etwas zu ändern und stattdessen dann zum Beispiel eine Kooperation mit libyschen Partnern einzugehen und irgendwelche ‚work-arounds‘ zu finden, die die Situation nur verschlimmern.“

Julia: „Es ist so, dass die Bundesregierung auch an der Ausbildung und Finanzierung der libyschen Küstenwache beteiligt ist. Das sehe ich als sehr problematisch an, weil die libysche Küstenwache ihrerseits auch an Menschenhandel teilhat. Der Bundesregierung ist das bewusst und trotzdem hat sie das nicht unterbunden oder hat diese Verbindung zur libyschen Küstenwache nicht beendet.“


Wie schätzt ihr gegenwärtige und mögliche zukünftige Entwicklungen der Seenotrettung ein?

Julia: „Aktuell finde ich es sehr schade, dass es immer noch keine Möglichkeit gibt, aus Seenot gerettete Menschen auch zusätzlich in Städten aufzunehmen, denn es gibt ganz viel Bereitschaft dazu. Zum Beispiel hat sich auch Potsdam, über den Königssteiner Schlüssel hinaus, dazu bereit erklärt, Geflüchtete aufzunehmen. Trotzdem stehen dem immer wieder bürokratische Hürden entgegen. Ich habe den großen Wunsch, dass sich etwas daran ändert.“

Daniel: „Schwierige Frage. Ich persönlich finde es sehr ungewiss, wie sich das weiterentwickeln wird. Grundsätzlich denke ich, dass Migration ein für den Menschen normales Phänomen ist, das es auch weiterhin geben wird. Und mit den weiteren Herausforderungen, die jetzt auf die Menschheit zukommen, beispielsweise dem Klimawandel, wird Migration noch wichtiger werden. Das ist nicht besonders positiv, wenn man jetzt schon sieht, dass die EU – die eigentlich ein sehr mächtiges und großes Gremium auf diesem Planeten ist – schon jetzt überhaupt nicht mit dieser Situation zurechtkommt. Es gibt oft Uneinigkeiten zwischen den EU-Staaten, die sind dabei auf jeden Fall ein riesiges Problem, da sie die ganzen Möglichkeiten beenden oder ausbremsen, die wir bräuchten, um Migration auf eine menschenwürdige Art umzusetzen.“


Welche Tipps habt ihr für Personen, die gerne aktiv werden wollen?

Julia: „Ich würde sagen, einfach tun. Die meisten Gruppen freuen sich, wenn neue Menschen zu ihnen stoßen. Ich glaube, es ist immer erstmal eine Überwindung, aber dieser erste Moment ist dann auch schnell wieder vergessen. Politisches Engagement bringt auch für einen selbst ganz viel Positives und öffnet einem den Blick über die eigene kleine heile Welt hinaus.“

Daniel: „Wir haben ein offenes Plenum, da darf jede*r gerne vorbeikommen. Immer donnerstagabends, im Freiland Potsdam. Wir bemühen uns auch sehr, den Leuten, die da mal reinschnuppern, das angenehm und gut zugänglich zu machen. Also sich am besten einfach trauen.“


Möchtet ihr noch etwas thematisieren?

Julia: „Ja, ich finde es wichtig, dass wir in Potsdam eine besondere Position haben, weil die Stadt nicht nur unseren Antrag unterschrieben hat, sondern sich auch der Oberbürgermeister wirklich sehr für die Interessen der Seebrücke einsetzt und sich das auf die Fahnen geschrieben hat. Unter anderem hat er das Bündnis ‚Städte sicherer Häfen‘ maßgeblich mitinitiiert und koordiniert das Bündnis jetzt auch [Anm. d. Verf.: Das Bündnis „Städte sicherer Häfen“ eint solidarische Städte und Gemeinden, welche sich als „sichere Häfen“ verstehen. Die teilhabenden Kommunen definieren sich als humanitäre Wertegemeinschaft und bieten zusätzlichen Schutz sowie Aufnahmekapazitäten an. Zu Beginn 2020 waren in der Bundesrepublik insgesamt 127 Städte als „sichere Häfen“ eingetragen und 41 Kommunen an dem Bündnis beteiligt¹¹]. Das ist für uns natürlich auch eine ganz große Unterstützung, dass sich die Stadt von selbst aus wirklich bemüht. Und wir haben auch Unterstützung vom Fußballverein, dem SV Babelsberg 03, sie haben in dieser Spielsaison ihre Trikots mit unserem Logo versehen und ein Teil des Trikotverkaufs geht als Spende an die Seebrücke. Und das ist so was, das hier in Potsdam etwas wirklich Besonderes ist.“


Organisationen wie die Seebrücke setzen dem positiven Frieden antizipierte Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Respekt in die Realität um und erweitern sie hinsichtlich ihres Geltungsbereiches. Sie ermöglichen flüchtenden und geflüchteten Menschen Recht auf Recht. Zu unabdingbaren Rechten gehören körperliche Unversehrtheit und ein Recht auf Würde. Im Grundgesetz verankerte Werte werden somit auch in der Praxis verfestigt.


Warum der Frieden in Europa nicht positiv ist

Der Mythos des gerechten, menschenwürdigen und friedlichen Europas hält sich beständig, ebenso wie die Vorstellung, (Neo-)Europa sei Quelle der Menschenrechte, der Gerechtigkeit und der Wissenschaft. Die Überzeugung, Europa trage diese Aspekte in die Welt hinaus, dominiert den Diskurs. (Neo-)Europa wird als personifizierter Erlöser, der vor Leiden wie Krankheit, Ungerechtigkeit, Armut und Unfrieden befreit, mystifiziert. Jener Mythos, Resultat der Glorifizierung (Neo-)Europas, wird sowohl von innen reproduziert und nach außen getragen als auch von außen übernommen und verbreitet. Das eurozentristische Weltbild bewirkt, dass der humanitäre Imperativ Europas als uneinschränkbar angenommen wird. Gebrochen wird dieser in der Realität jedoch, wenn die EU beispielsweise keine menschenwürdige Seenotrettung gewährleistet.


Der Friedensbegriff von Galtung, welcher Frieden in Abgrenzung zum klassischen Friedensbegriff nicht lediglich als die Abwesenheit direkter Gewalt begreift, sowie dessen Erweiterung zeigen, dass Frieden in seiner vollständigen Ausprägung nicht existent ist. Die in diesem Artikel vorgenommene Weiterentwicklung um das Begriffspaar Frieden und Unfrieden ermöglicht eine differenzierte Betrachtung des Friedenskomplexes. Somit wird Galtungs Friedenstheorie jeweils in Richtung der beiden Pole negativer und positiver Frieden fortgesetzt. Unfrieden, die verstärkte Form negativen Friedens, besteht, wenn lediglich Waffengewalt abwesend ist, nicht jedoch jegliche Gewalt, die als Angriff auf Würde und Integrität zu verstehen ist. Frieden, die verstärkte Form positiven Friedens, besteht, wenn jedwede Gewalt abwesend ist. Der vorgestellte theoretische Ansatz erlaubt eine systematische Dekonstruktion der verbreiteten Annahme, in Europa sei Frieden präsent. So wurden in dieser Arbeit Kriterien positiven Friedens vorgestellt und überprüft, sowie Aspekte des Unfriedens bis hin zum Frieden kritisch in ihrer Beständigkeit untersucht. Es wurde festgestellt, dass in der EU, explizit in der Bundesrepublik, rudimentärer negativer Frieden mit Defiziten vorliegt. Selbiges Prinzip der (idealtypischen) Kategorisierung ist auch auf die weiteren Regionen der Welt anwendbar.


Die theoretische Auseinandersetzung zeigt, dass positiver Frieden und demnach dessen potenzierte Form Frieden nicht existent sind. Verletzt werden diese beiden Konzepte, wie dargestellt, durch Gewalt auf struktureller Ebene, welche sich beispielsweise durch Defizite im bundesrepublikanischen Strafvollzug und der gesetzlichen Regelung hinsichtlich sogenannter Ausländervereine äußert.


Fortführend beweist die Notwendigkeit zivilgesellschaftlichen Engagements, dass sowohl positiver Frieden als auch Frieden nicht existieren. Stattdessen herrscht defizitärer negativer Frieden in Europa, welcher ein Exklusivitätsproblem hinsichtlich direkter Gewalt aufweist. Die daraus erwirkten Einschränkungen, beispielhaft angeführt durch den Fall Oury Jalloh sowie Gewaltanwendung an den europäischen Außengrenzen, verletzen den negativen Frieden in Europa. Obgleich Unfrieden in seiner Reinform nicht vorliegt, besteht die Gefahr, dass aus eingeschränktem negativen Frieden Unfrieden wird. So könnte weiterführend empirisch untersucht werden, inwieweit das Erstarken rechtspopulistischen und rechtsextremen Gedankenguts als Form kultureller Gewalt Unfrieden provoziert.


Somit wird der Mythos des gerechten und friedlichen Europas als Verteidigerin der Menschenrechte unter anderem durch die Situation in der Bundesrepublik, welche ein Exklusivitätsproblem und unzureichende Umsetzung von niedergeschriebenen Recht kennzeichnet, gebrochen.


Zum jetzigen Zeitpunkt scheint Frieden nach der hier zugrunde liegenden Definition eine Utopie zu sein. Eine solche, die aussehen könnte wie das skizzierte Gedankenexperiment Pax, ist jedoch notwendig, um sich sukzessiv einer gerechten und friedfertigen Welt zu nähern.


Anhand der Beispiele der Initiative „Break the Silence" und der Organisation Seebrücke Potsdam werden Ansätze vorgestellt, welche die Utopie greifbarer machen. Solche Ansätze individuellen bis kollektiven Engagements betonen, dass jede*r einen Beitrag leisten kann. Hierbei sollte jedoch nicht vernachlässigt werden, dass die (neo-)europäischen Regierungen einen erheblichen Teil der Verantwortung tragen. Handeln von Individuen und Regierungen gemäß der Werte, welche positiven Frieden beziehungsweise Frieden prägen, ist substanziell.

Wenn dies umgesetzt wird, kommt die Menschheit der Utopie des Friedens näher. Und sowieso gilt: Die Realität von morgen ist die Utopie von heute.

1 Tillich, Paul (1969): Die politische Bedeutung der Utopie im Leben der Völker. In: Marsch, Wolf-Dieter (Hrsg.): Für und wider den Sozialismus. München/ Hamburg: Siebenstern-Taschenbuch Verlag. S. 173.

2 Vgl. Knauss, Ferdinand (2020): Was für und gegen Kurz Kritik an den NGO-Schiffen spricht. https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/knauss-kontert/was-fuer-und-was-gegen-kurz-kritik-an-den-ngo-schiffen-spricht/. Abgerufen am 29.02.2020.

3 University of Oxford – Faculty of Law (2017): Border Deaths in the Mediterranean: What We Can Learn from the Latest Data. https://www.law.ox.ac.uk/research-subject-groups/centre-criminology/centreborder-criminologies/blog/2017/03/border-deaths. Abgerufen am 24.02.2020.

4 Cusumano, Eugenio; Villa, Matteo (2019): Sea Rescue NGOs: A Pull Factor of Irregular Migration? https://cadmus.eui.eu/bitstream/handle/1814/65024/PB_2019_22_MPC.pdf?sequence=5. Abgerufen am 23.07.2020.

5 Vgl. Götz, Sören (2020): EU unterstützt Griechenland mit 700 Millionen Euro. https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/griechenland-migration-grenze-eu-fluechtlinge-tuerkei-frontex-hilfe. Abgerufen am 03.03.2020.

6 Vgl. Borgers, Michael; Gavrilis, Panajotis (2020): Eskalation auf Lesbos. „Gewalt gegen Journalisten in Griechenland kein neues Phänomen“. https://www.deutschlandfunk.de/eskalation-auf-lesbos-gewalt-gegen-journalisten-in.2907.de.html?dram:article_id=471476. Abgerufen am 03.03.2020.

7 Vgl. Zacharakis, Zacharias (2020): Lesbos. Angriffe auf Journalisten, Straßensperren, Bürgerwehren. https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/lesbos-griechenland-fluechtlinge-proteste-tuerkei-eu. Abgerufen am 03.03.2020.

8 Vgl. Lüdke, Steffen; Preker, Alexander; et al. (2020): Nach Grenzöffnung der Türkei. Griechenland setzt Asylrecht für einen Monat aus. https://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-griechenland-setzt-asylrecht-fuer-einen-monat-aus-a-14421c7e-80da-43d7-976c-9d00cae92127. Abgerufen am 03.03.2020.

9 Das Interview mit Julia und Daniel von der Seebrücke Potsdam fand am 20. Januar 2020 per Online-Telefonat statt.

10 Vgl. Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam (2018): Beschluss der 45. öffentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Potsdam am 05.12.2018. https://www.potsdam.de/sites/default/files/documents/beschluss_0.pdf. Abgerufen am 29.02.2020.

11 Seebrücke (2020): Kommunen auf dem Weg zum Sicheren Hafen. https://seebruecke.org/startseite/sichere-haefen-in-deutschland/. Abgerufen am 29.02.20.


Weiterführende Literatur zur Friedensforschung Galtungs:

– PRIO (2020): Peace Research Institute Oslo. https://www.prio.org. Abgerufen am 01.03.2020.

– Galtung, Johan (1997): Frieden mit friedlichen Mitteln: Frieden und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Opladen: Leske + Budrich.

– Galtung, Johan; Fischer, Dietrich (2013): Johan Galtung. Pioneer of Peace Research. Heidelberg/ New York/ Dordrecht/ London: Springer.

– Menzel, Ulrich (Hrsg.) (2000): Vom Ewigen Frieden und vom Wohlstand der Nationen: Dieter Senghaas zum 60. Geburtstag. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

– Frieters-Reermann, Norbert (2009): Frieden lernen. Friedens- und Konfliktpädagogik aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive. Duisburg/ Köln: Verlag für Wissenschaft und Kultur.


Weiterführende Literatur zu Gerechtigkeit in Europa:

– Cremer, Georg (2018): Deutschland ist gerechter als wir meinen. Eine Bestandsaufnahme. München: C.H. Beck.

– König, Helmut; Richter, Emanuel; et al. (2008): Gerechtigkeit in Europa. Transnationale Dimensionen einer normativen Grundfrage. Bielefeld: transcript Verlag.


Weiterführende Literatur zu Asyl- und Migrationspolitik:

– Engler, Marcus (2019): Europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik seit 2015 – eine Bilanz. https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/296803/seenotrettung. Abgerufen am 01.03.2020.

– Klepp, Silja (2011): Europa zwischen Grenzkontrolle und Flüchtlingsschutz. Eine Ethnographie der Seegrenze auf dem Mittelmeer. Bielefeld: Transcript Verlag.

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