Das Geschäft mit Rüstung und Waffen floriert wie eh und je. Seit 2002 haben Waffenverkäufe weltweit um 47% zugenommen. Allein 2018 wurde 5% mehr Rüstung verkauft als im Vorjahr. Der Wert dieser Güter beträgt 420 Milliarden US-Dollar

Auch in Deutschland steigen die Exporte. Während man 2018 Militärausrüstung im Wert von 4,8 Milliarden Euro verkaufte, waren es im Folgejahr mit 8 Milliarden Euro bereits fast das Doppelte.² Und diese Waffen sind nicht nur an Bündnispartner aus der NATO oder der EU übergegangen: Die Exporte von Kriegswaffen an sogenannte Drittländer haben sich im Vergleich zu 2018 nahezu verdoppelt. So gehören Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate seit Jahren zu den zehn größten Importeuren deutscher Waffen.³ Mithilfe jener Waffen ziehen diese Länder seit 2015 im Namen der sogenannten Golf-Allianz im Jemen in den Krieg.

Davon profitiert vor allem die Rüstungsindustrie. Seit Beginn des Jemen-Krieges stieg der Aktienkurs von Rheinmetall um 142%.⁴


Diese Exporte und die einhergehende Kooperation zwischen Politik und Rüstungsindustrie stoßen immer wieder auf Kritik. Viele vermuten hinter diesen Kooperationen einen Komplex aus gemeinsamen und verstrickten Interessen, welcher im Hintergrund die Fäden zieht. Zu diesem Komplex gehören demnach nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch Teile von Medien, Forschung und Wissenschaft, welche zusammen als sogenannter militärisch-industrieller Komplex (MIK) zusammengefasst werden.

Ob dieser militärisch-industrielle Komplex tatsächlich so mächtig ist oder doch nur eine Verschwörungstheorie, ist hoch umstritten. Während der „Focus“ ihn in einer Auflistung über angebliche Geheimregierungen der USA neben Außerirdischen und dem Antichristen als Verschwörungstheorie abtut⁵, warnte der ehemalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner letzten Rede als Staatsoberhaupt seine Nachfolger vor dem immer größer werdenden Einfluss des MIK⁶. Und in Europa war es Karl-Heinz Narjes, ehemaliger Vizepräsident der EG-Kommission, der über politische Rückschläge sprach, deren Ursachen auf den MIK zurückzuführen seien.⁷ Auch in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird dieses Machtgeflecht immer wieder thematisiert.⁸


So spricht beispielsweise der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Michael Brzoska von einer Vereinigung wirtschaftlicher und militärischer Ziele, die zu einer „Simultanpolitik“ führt. Durch ebendiese sind politische Entscheidungen hauptsächlich von militärischen und wirtschaftlichen Interessen geprägt und führen daher „zu einem hohen Niveau von Rüstungsbeschaffungen“⁹.

Wie bereits beschrieben, besteht der MIK nicht nur aus Wirtschaft und Politik. Aufgrund des großen Kapitals bzw. der Einflussfähigkeit machen sie jedoch einen Großteil des Komplexes aus. So sieht der Friedensaktivist Klaus Schreiner neben einer starken Lobby der Militärindustrie, engen Verknüpfungen zwischen Politik und Wirtschaft sowie etwaigen Personalwechseln zwischen diesen Sphären, die gezielte Beeinflussung des öffentlichen Diskurses und der demokratischen Institutionen durch eine übertriebene Sicherheitsideologie und die Verbrüderung von Wirtschaft-, Politik- und Medieneliten als Merkmale des von ihm „militärisch-industriell-parlamentarischen Medien-Komplexes“ genannten Gebildes.¹⁰

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Mohssen Massarrat nennt diesen Komplex „die größte Bedrohung für den Weltfrieden unserer Zeit“¹¹. Er hält vor allem die Verflechtungen des MIK mit verschiedensten Geheimdiensten wie z.B. CIA und FBI, die kaum an Transparenz gebunden sind, für gefährlich.¹²

Durch diese Verbindungen und Zusammenhänge der Akteure aus Wirtschaft, Medien, Politik, Wissenschaft und Geheimdiensten ergibt sich zudem eine immenses Kapital, auf das zurückgegriffen werden kann.


Die Finanzierung des MIK (in den USA)

Die Rüstungsausgaben der USA steigen seit dem Zweiten Weltkrieg tendenziell immer weiter an.¹³ In einigen Jahren sanken sie zwar leicht, grundsätzlich erkennt man jedoch eine Steigung. Dabei scheint es kaum von Wichtigkeit zu sein, welcher Partei der amtierende Präsident angehört. Der höchste Rüstungshaushalt der USA wurde 2010 im zweiten Jahr der Obama-Regierung verabschiedet.¹⁴

Sogar die Demokraten, die in der politischen Landschaft der USA eher dem linken Spektrum zuzuordnen sind, welches sich traditionell grundsätzlich gegen Militarisierung positioniert, plädieren in den Vereinigten Staaten teilweise für höhere Rüstungsetats. So hat beispielsweise der Think Tank Center for American Progress, der von John Podesta, ehemaliger Stabschef unter Präsident Bill Clinton und 2016 Wahlkampfmanager von Hillary Clinton, gegründet wurde, die Studie „Military Spending Can Grow the Nation's Economy“ publiziert.¹⁵

Zudem gibt es kaum einen Bundesstaat, in dem keine Rüstung produziert wird. Deswegen trauen sich nur wenige Abgeordnete, sich gegen die Militärindustrie zu positionieren, da an ihr Millionen von Jobs hängen, deren Verbleib im eigenen Staat für die persönliche Wiederwahl von immenser Wichtigkeit ist.

Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass die USA mehr Geld für Rüstung ausgeben als die sieben (!) in der Statistik nachfolgenden Staaten zusammen.¹⁶ Kritiker*innen meinen, dass die Höhe dieser Ausgaben kaum allein mit Sicherheitsvorkehrungen zu begründen ist. Der Politikwissenschaftler Dr. Michael Hennes schrieb dazu:

„Wäre die nationale Sicherheit der USA der einzige Grund für die Militarisierung der Gesellschaft, dann hätte das Ende des Kalten Krieges zu einer nachhaltigen Abrüstung führen müssen.“¹⁷

Die immensen Summen kassieren übrigens nur wenige Unternehmen. Während der Regierungszeit von George W. Bush Jr. gingen über 50% des Verteidigungsetats an lediglich fünf Unternehmen: Lockheed Martin, Boeing, Northrop-Grumman, Raytheon und General Dynamics.¹⁸ Die zugrunde liegenden Verträge wurden teilweise ohne Ausschreibungen vergeben.¹⁹ Zudem kamen merkwürdig anmutende Details zu einigen Geschäften ans Licht. So handelte beispielsweise J. Dennis Hastert, Kongressabgeordneter aus Illinois, dem „Heimatstaat“ von Boeing, 2002 ein Geschäft mit Präsident Bush Jr. aus. Bei dieser Vereinbarung sollten 100 Jumbo-Flugzeuge zu Tankflugzeugen umgebaut werden. Der Preis für die Flugzeuge lag bei 26 Milliarden Dollar. Im Gegenzug für die Genehmigung seitens Bushs sollte Hastert die vom Präsidenten geforderte Steuersenkung im Kongress unterstützen. Laut US-Rechnungshof war die vereinbarte Summe jedoch massiv überhöht. Nach Berechnungen wäre die Modernisierung der gesamten bis dato bestehenden Flotte um 8 Milliarden Dollar billiger gewesen. Letztendlich wurde dieser Auftrag durch Kontrollausschüsse abgelehnt.²⁰



Jedoch profitiert nicht nur die Rüstungsindustrie. Dick Cheney war, bevor er unter George W. Bush Vizepräsident wurde, CEO bei Halliburton, einem der weltweit größten Energieanbieter. Während seiner Zeit als Vizepräsident vergab die US-Regierung ohne Ausschreibung Aufträge im Wert von 2 Milliarden Dollar an Halliburton im Irak. Dazu ist anzumerken, dass Cheney ein Verfechter und Befürworter der militärischen Intervention im Irak war. Auch in Afghanistan und nach den Balkankriegen bekam Halliburton einige Aufträge seitens dieser Regierung.²¹

Durch diese Subventionen und Käufe ergibt sich über die Jahre hinweg eine entsprechende staatliche Neuverschuldung; die USA sind mit einer Summe von über 20 Billionen Dollar das am höchsten verschuldete Land der Welt.²²


Der MIK und die Wissenschaft

Auch Teile der Wissenschaft profitieren seit langer Zeit von Geldern, die explizit für militärische Zwecke bereitgestellt werden. Bereits 1956 warnte der Sozialwissenschaftler Charles Wright Mills vor einer Beeinflussung der Wissenschaft und Forschung seitens des militärisch-industriellen Komplexes.²³ Diese fand seiner Meinung nach jenseits der demokratischen Institutionen statt. Heutzutage wird die Militärforschung, fast wie von Mills prophezeit, stark gefördert. In den USA fließen 50% der staatlichen Fördergelder für Forschung und Entwicklung in militärische Projekte.²⁴ Daher ist es kaum verwunderlich, dass Innovationen, die aus unserem heutigen alltäglichen Leben kaum noch wegzudenken sind, ursprünglich zu militärischen Zwecken erfunden wurden. Beispiele sind das Wetterradar, der Mobilfunk und das Internet. Grundsätzlich ist der Trend zu erkennen, dass Erfindungen erst nachdem sie auf militärische Verwendung überprüft wurden, für die Zivilnutzung verfügbar gemacht werden. Ein weiteres, offensichtliches Beispiel ist die Kernspaltung. 1938 von Otto Hahn entdeckt, wurde bereits vier Jahre später das amerikanische Manhattan-Project ins Leben gerufen, bei welchem atomare Sprengkörper entwickelt wurden, die später über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Bis die Kernspaltung zur zivilen Energiegewinnung genutzt wurde, dauerte es allerdings noch einige Jahre. Erst 1954 ging das erste Kernkraftwerk in der ehemaligen Sowjetunion an den Start.


Selbst die Entstehung des Silicon Valley beruht auf dem MIK. Es entstand größtenteils als Dienstleister für Rüstungsunternehmen. So war beispielsweise Lockheed Martin in den 1980er Jahren der größte lokale Arbeitgeber und vergab viele Aufträge an die damals neu gegründeten Silicon Valley-Start-Ups. Auch das Pentagon vergibt Aufträge an ansässige Firmen. 2002 flossen 4 Milliarden Dollar aus dem Verteidigungsministerium ins Silicon Valley.²⁵



Das Militär macht sich auch wissenschaftliche Erkenntnisse aus nicht-technischen Forschungsbereichen zunutze. Nach Recherchen des Psychoanalytikers Dr. Knuth Müller haben einige Mitglieder der American Psychoanalytic Association (APsaA) einen geheimdienstlichen Hintergrund. In Regierungsakten wird beschrieben, dass die Psychoanalytiker*innen ihre Wissenschaft beispielsweise nutzten, um Foltermethoden zu entwickeln oder ihren Opfern Geheimnisse oder Informationen zu entlocken.²⁶

Jedoch beschränkt sich die Anwendung psychologischer Erkenntnisse nicht nur auf Kriegsgefangene. In ihrem Buch „Der Krieg in den Medien“ beschreiben der Psychologe Christian Büttner, der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Joachim von Gottberg und die Politikwissenschaftlerin Verena Metze-Mangold, dass in einigen Medien gezielte Feindbilder aufgegriffen werden, um die Notwendigkeit von Kriegen aufzuzeigen, damit die Akzeptanz eines bewaffneten Konfliktes in der Zivilbevölkerung ansteigt.²⁷


Die mediale Öffentlichkeitsarbeit des MIK

So vertritt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Jörg Becker in einer seiner Arbeiten die These, dass Politik und Medien keine getrennte Sphären seien, sondern ein durch Menschen, Ideen und Geld geprägten Austausch darstellen.²⁸ Der Schriftsteller Phillip Knightley unterstellt sogar:

„Jede Regierung will in Kriegszeiten die Medien kontrollieren, um die öffentliche Unterstützung für ihre Kriegsziele sicherzustellen.“²⁹

Tatsächlich scheint er mit dieser These nicht Unrecht zu haben. Vor allem die US-amerikanische Regierung begann oder provozierte in der Vergangenheit immer wieder Kriege durch Unwahrheiten, die medial teilweise stark wiederholt wurden: die Behauptung, der Irak besitze ABC-Waffen; die angeblichen Angriffe auf amerikanische Schiffe im Golf von Tonkin seitens Nordvietnam oder die sogenannte Brutkastenlüge. 1990 berichtete die junge Kuwaiterin Nayirah im US-Kongress von irakischen Soldaten, die nach der Invasion Iraks in Kuwait in Krankenhäusern Frühgeborene aus ihren Brutkästen rissen und auf dem Boden sterben ließen. Durch die Schrecklichkeit der Geschichte wurde der Diskurs über ein militärisches Eingreifen stark beeinflusst. Nach dem Ende des Kriegs stellte sich heraus, dass die Aussage Nayirahs von einer US-amerikanischen PR-Agentur fingiert wurde und sich von der kuwaitischen Regierung bezahlen ließ.

Nayirah war zu dem von ihr genannten Zeitpunkt nicht in Kuwait und ist die zum Zeitpunkt der Aussage 15-jährige Tochter des Botschafters von Kuwait in den USA gewesen.

Nachdem die fingierte Geschichte in den USA extrem populär wurde – allein Präsident George Bush Sr. wiederholte sie Wochen nach Nayirahs Aussage vielfach – betonte Bush, dass man es nicht zulassen könne, „dass ein so lebenswichtiger Rohstoff [Erdöl, Anm. d. Verf.] einem so rücksichtslosen Diktator [Saddam Hussein, Anm. d. Verf.] überlassen wird.“³⁰ Er fügte hinzu, dass man dies auch nicht tun werde. Gesteigert wurde dies noch einmal durch den damaligen US-Außenminister James Baker, der sagte, dass es durch die Kontrolle eines Diktators über das Erdöl zu einem weltweiten Konjunkturrückgang kommen werde, woraufhin viele Amerikaner*innen ihre Jobs verlieren würden.³¹

Zu der Medienberichterstattung zur Zeit des Golfkrieges veröffentlichte das Center for Studies in Communication der Universität Massachusetts eine Studie. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Menschen, die mehr Zeit vor dem Fernseher verbrachten, weniger über die Hintergründe des Golfkrieges wussten, diesen jedoch entschiedener bejahten. Bei Fragen zu den Hintergründen des Konflikts kam außerdem heraus, dass die Proband*innen auffällige Wissenslücken bei Informationen hatten, welche die Regierung in einem schlechten Licht dastehen lassen könnten. Die große Mehrheit der Befragten konnte zudem kaum allgemeine Fragen zum Nahen Osten oder der US-amerikanischen Außenpolitik beantworten; allerdings kannten 81% den Namen des Flugkörpers, mit dem man irakische Raketen abschoss. Das Fazit der Forscher fiel dementsprechend aus: Die Öffentlichkeit war nicht einfach uninformiert, sondern wurde „selektiv fehlinformiert“.³²

Nach dem Ende des Konfliktes wurden die USA mit folgender Begründung vom Internationalen Tribunal für Kriegsverbrechen für schuldig befunden:

„Präsident Bush [Sr., Anm. d. Verf.] hat die Berichterstattung in der Presse und den Massenmedien systematisch manipuliert, kontrolliert, gelenkt, falsch informiert und eingeschränkt, um propagandistische Unterstützung für seine militärischen und politischen Ziele zu erhalten.“³³

Der Krieg sollte der eigenen Bevölkerung so als alternativlos verkauft werden.

Diese Methodik erinnert an den Hitler-Vertrauten und Nationalsozialisten Hermann Göring, der während seines Prozesses in Nürnberg aussagte, dass man ein Volk am besten von einem Krieg überzeugen könne, wenn man ihm erzähle, dass es angegriffen wird.³⁴ Auch, wie oben genannt, der ehemalige US-Außenminister Baker oder Ex-Bundesverteidigungsminister Peter Struck, mit seiner bekannten Aussage, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt werden würde, schafften so Ängste in den Köpfen der eigenen Bevölkerung, angegriffen zu werden.³⁵


Der Kulturwissenschaftler Jens Wernicke versucht, mit seinem macht-demokratischen Propagandamodell einen Erklärungsversuch zu schaffen, wie diese Meinungssteuerung der Öffentlichkeit abläuft.³⁶

Nach diesem Modell, das auf Forschungen von Noam Chomsky und Walter Lippmann aufbaut, gibt es in einem demokratisch-kapitalistischen System wenige Menschen, die über überproportional viel Kapital und Macht verfügen. Dadurch haben sie einen erheblich besseren Zugang zu Wissen und Ressourcen, mit denen Konsens geschaffen werden kann. Durch Kapital und Macht gelingt es diesen Eliten vergleichsweise leicht, ihr Wissen politisch umzusetzen und somit Konsens in der Bevölkerung zu schaffen. Wernickes schlussfolgert daraus, dass diejenigen, die den Konsens erschaffen, die „Meinung des Volkes“ bestimmen. Somit hätten Menschen, die über entsprechende Macht und Kapital verfügen, die Kontrolle über die Demokratie.


Um diese Konsensschaffung zu erweitern, gründeten in den 1970ern Firmen in den USA Think Tanks, die politische Meinungen generieren sollten, die diesen Firmen nützlich erschienen.³⁷ Aus diesen Gedankenfabriken entstand das Material, das in den Medien verbreitet wurde. So waren Mitglieder entsprechender Institutionen häufig als politische Kommentator*innen im Fernsehen oder in Zeitungen vertreten. Einer dieser Think Tanks war die sogenannte Heritage Foundation, die während der Regierungszeit Ronald Reagans gegründet und unter anderem von Exxon, Phillip Morris und Hyundai finanziert wurde.³⁸ Die Stiftung entwickelte ein Positionspapier mit verschiedensten Positionen konservativer Politik. So wurde der US-Regierung beispielsweise empfohlen, sich zu bewaffnen, um einen nuklearen Krieg zu gewinnen und Überlegenheit gegenüber der Sowjetunion zu schaffen.


Der Einfluss des MIK auf die Politik

In diesen Think Tanks saßen eine Reihe mächtiger Personen aus Wirtschaft und Politik. Das Center for Security Policy (CSP), dass von Frank Gaffney (Pentagonangestellter unter Präsident Reagan) organisiert wird, wird unter anderem von Boeing und Lockheed Martin finanziert.³⁹ Mitglieder sind neben hochrangigen Mitarbeiter*innen der genannten Unternehmen auch ein ehemaliger wissenschaftlicher Berater Reagans, Jon Kyle (republikanischer Senator und 2010 von Time Magazine in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt⁴⁰), sowie Edward Teller, der Erfinder der Wasserstoffbombe. Das CSP veröffentlicht knapp 200 Medienpublikationen pro Jahr und verlieh unter anderem dem Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den „Keeper of the flame“-Award.⁴¹

Eine interessante Person ist Norman Augustine. Der ehemalige CEO von Lockheed Martin saß parallel zu seiner Managerposition als Vorsitzender im Defense Science Board, einem Pentagon-Gremium.⁴² Seiner Meinung nach sei die Rüstungsproduktion eine „patriotische Pflicht“ und die Rüstungsindustrie der „fourth armed service“⁴³. Doch nicht nur anhand seiner Tätigkeiten sieht man die fließenden Übergänge zwischen Politik und Militärindustrie: als weiteres Beispiel lässt sich der Fall James G. Roche zitieren. Nach 23 Jahren in der US Army wechselte er zum Rüstungskonzern Northrop-Grumman, wo er diverse Führungspositionen innehatte. 2001 wurde er durch Präsident Bush Jr. als Staatssektretär der US Air Force berufen. Daraufhin stiegen die Umsätze seines vorherigen Arbeitgebers, allein im ersten Halbjahr 2003 um mehr als 50%. Der Grund dafür waren Rüstungsverkäufe, deren Hauptauftraggeber die US Air Force und die US Army waren.⁴⁴ Auch Lynne Cheney, die Ehefrau vom ehemaligen Vize-Präsident Dick Cheney, bekleidete eine hohe Position in einem Rüstungsunternehmen. Zwischen 1994 und 2001 saß sie im Aufsichtsrat von Lockheed Martin.⁴⁵ Zudem sind hunderte ehemalige Manager*innen aus der Rüstungsindustrie mittlerweile in höheren Positionen im Pentagon, dem militärischen Bereich der NASA oder in Beraterpositionen der Regierung beschäftigt.⁴⁶ Andersherum wird übrigens genauso gewechselt. So sitzen im Vorstand von Lockheed Martin mehrere ehemalige US-Staatssekretär*innen und ein früherer NATO-Oberbefehlshaber.⁴⁷


Dass der MIK keine rein externe Kraft ist, sondern seine Interessen oftmals Hand in Hand mit denen des Staates gehen, sieht man deutlich am Irakkrieg. So betonte Dr. Hennes, dass der Sturz von Saddam Hussein nicht nur einer politischen Neuordnung diente – die übrigens genau wie andere militärisch ausgetragene Konflikte zur Bildung neuer US-amerikanischer Militärbasen vor Ort führte – sondern auch den Geschäften der amerikanischen Rüstungsindustrie.⁴⁸ Während der Staat somit seinen Einfluss durch die genannten Basen im Nahen Osten, wie bereits zuvor nach den entsprechenden Kriegen im ehemaligen Jugoslawien oder der Golfregion, ausweiten konnte, boomte im eigenen Land die Militärwirtschaft.

Übrigens gab es bereits 1998 seitens des Think Tanks Project for the New American Century einen Aufruf an Präsident Clinton, dass das Regime Saddam Husseins abgelöst werden müsse.⁴⁹ Mitglieder dieses Think Tanks waren ehemalige Präsidentenberater*innen, ein Vize-Präsident, UN-Botschafter*innen sowie andere Politiker*innen. Zu diesen Politker*innen gehörten damals auch Dick Cheney und Donald Rumsfeld.⁵⁰


Fazit

Es gab bereits mehrere Politiker*innen, die vor Verschwörungen warnten, die dem heutigen MIK sehr nahe kommen. Einer der bekanntesten ist wohl John F. Kennedy. Er sprach von einem System, dass „diplomatische, geheimdienstliche, ökonomische, wissenschaftliche und politische Operationen kombiniert“⁵¹. Auch Daniel Inouye, ein demokratischer Senator, erwähnte während einer Anhörung zur Iran-Contra-Affäre eine Schattenregierung mit eigenen Streitkräften, den Möglichkeiten und der Macht, eigene Vorstellungen „frei von allen Kontrollen und frei vom Gesetz selbst“ durchsetzen zu können.⁵²

Forscher der Princeton-Universität kommen in einer Studie von 2014 zum Status der amerikanischen Demokratie zum Ergebnis, dass diese größtenteils untergraben ist und zu einer „Oligarchie, in der alle Macht nicht beim Volke, sondern bei einer reichen Elite liegt“, verkommen ist.⁵³

Was sich nach Verschwörungstheorie anhört, scheint also zumindest in Teilen der Wahrheit zu entsprechen. Fehlende Transparenz bei internen Planungen und Verhandlungen militärischer Eingriffe sowie geheime Budgetzuweisungen und Deals, die häufig in nicht-öffentlichen Hinterzimmergesprächen ausgehandelt werden, sind nur einige Beispiele der immensen Auswüchse dieses Systems.

Wie sich all dies weiter entwickeln wird, weiß man bisher nicht, vor allem wegen der strukturellen Intransparenz dieses Machtgebildes. Auch wenn man sich als Einzelne*r diesem Komplex gegenüber machtlos fühlt, kann man gemeinsam Veränderungen schaffen, indem man sich mit Gleichgesinnten vernetzt, militär- und kriegskritische Organisationen unterstützt oder sogar gründet; Mitmenschen, die sich mit solchen Dingen bisher nicht befasst haben, informiert oder einfach demonstrieren geht.

Um es mit den Worten des ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders zu sagen:

„It is not me. It is us. […] No President, not the most well intentioned or honest, can do it alone. The powers that be… the powerful special interests on Wall Str. and in the insurance companies and the drug companies and in the military industrial complex and the fossil fuel industry… These people have so much power that the only way we defeat them is when millions of people stand up and say loudly and clearly: Change is going to come!“⁵⁴



Quellen und Anmerkungen:

1 Vgl. Welt (2019): Weltweite Rüstungsverkäufe steigen um 4,6 Prozent. https://www.welt.de/politik/ausland/article204149030/420-Milliarden-Dollar-Weltweite-Ruestungsverkaeufe-steigen-um-4-6-Prozent.html. Abgerufen am 14.05.2020.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung (2020): Deutsche Rüstungsexporte übersteigen acht Milliarden Euro. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ruestungsindustrie-deutsche-ruestungsexporte-uebersteigen-acht-milliarden-euro-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200108-99-387343. Abgerufen am 14.05.2020.

3 Vgl. Bauer, Galina (2018): An wen liefert Deutschland Waffen? Daten und Fakten zu Rüstungsexporten. https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/An-wen-liefert-Deutschland-Waffen-Daten-und-Fakten-zu-Ruestungsexporten-id52531981.html. Abgerufen am 14.05.2020

4 Vgl. Happe, Barbara; Küchenmeister, Thomas (2018): Dirty Profits – Unser Geld für Rüstungsexporte in Kriegs- und Krisengebiete. urgewald, Facing Finance.

5 Vgl. Leipold, Frieder (2009): Wer regiert die USA? https://www.focus.de/wissen/mensch/tid-13152/verschwoerungstheorien-wer-regiert-die-usa_aid_363420.html. Abgerufen am 14.05.2020.

6 Vgl. Eisenhower, Dwight D. (1961): https://avalon.law.yale.edu/20th_century/eisenhower001.asp. Abgerufen am 14.05.2020.

7 Vgl. Brzoska, Michael (1989): Militärisch-industrieller Komplex in der Bundesrepublik und Rüstungsexportpolitik. In: Gewerkschaftliche Monatshefte. 8/89.

8 Siehe zum Beispiel: Brzoska, Michael (1989): Militärisch-industrieller Komplex in der Bundesrepublik und Rüstungsexportpolitik.

und: Caldicott, Helen (2004): The new nuclear danger: George W. Bush’s military industrial complex. New York City: The New Press.

und: Braml, Josef (2017): Militärisch-Industrieller Komplex. Berlin: Springer.

9 Brzoska, Michael (1989): Militärisch-industrieller Komplex in der Bundesrepublik und Rüstungsexportpolitik. S. 503.

10 Vgl. Schreiner, Klaus (2016): Der militärisch-industrielle-parlamentarische Medien-Komplex. http://www.free21.org/der-militaerisch-industrielle-parlamentarische-medien-komplex/. Abgerufen am 14.05.2020.

11 NachDenkSeiten (2015): „Der militärisch-industrielle Komplex ist die größte Bedrohung für den Weltfrieden unserer Zeit“. https://www.nachdenkseiten.de/?p=28017. Abgerufen am 14.05.2020.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Weidenbach, Bernhard (2020): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/935886/umfrage/verteidigungsausgaben-der-usa-und-der-udssr/. Abgerufen am 14.05.2020.

Statista Research Department (2020): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/183059/umfrage/militaerausgaben-der-usa/. Abgerufen am 14.05.2020.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Scheben, Helmut (2017): Das US-Rüstungsmonster ist „too big to fail“. https://www.infosperber.ch/Politik/Siri-Rustungsindustrie-USA. Abgerufen am 15.05.2020.

16 Vgl. Hennes, Michael (2003): Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA. https://www.bpb.de/apuz/27289/der-neue-militaerisch-industrielle-komplex-in-den-usa. Abgerufen am 15.05.2020.

17 ebd.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. Scheben, Helmut (2017): Das US-Rüstungsmonster ist „too big to fail“.

20 Vgl. Hennes, Michael (2003): Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. Rudnicka, J. (2019): Statistiken zur Staatsverschuldung. https://de.statista.com/themen/90/staatsverschuldung/. Abgerufen am 15.05.2020.

23 Vgl. Wette, Wolfram (2019): Oder hat längst auch in Deutschland ein militärisch-industrieller Komplex (MIK) das Sagen? In: Friedensforum. 2/2019.

24 Vgl. Brzoska, Michael (1989): Militärisch-industrieller Komplex in der Bundesrepublik und Rüstungsexportpolitik.

25 Vgl. Hennes, Michael (2003): Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA.

26 NachDenkSeiten (2015): Die Psychoanalyse als Waffe in den Händen von Geheimdiensten und Militär. https://www.nachdenkseiten.de/?p=27272. Abgerufen am 15.05.2020.

27 Vgl. Büttner, Christian; von Gottberg, Joachim; Metze-Mangold, Verena (2004): Der Krieg in den Medien. Frankfurt a.M.: Campus Verlag.

28 Vgl. NachDenkSeiten (2015): Medien im Krieg. https://www.nachdenkseiten.de/?p=24995. Abgerufen am 15.05.2020.

29 Zitiert nach: Wernicke, Jörg (2002): Meinungsmanipulationsstrategien in Frieden und Krieg. Bauhaus-Universität Weimar. S. 28.

30 Vgl. ebd.

31 Zitiert nach: Wernicke, Jörg (2002): Meinungsmanipulationsstrategien in Frieden und Krieg. S. 20.

32 Vgl. University of Massachusetts: Center for Studies in Communication (1991): TV: The More You Watch, the Less You Know, In: Extra! The Magazine of FAIR – The Media Watch Group (Special Gulf War Issue, 1991).

33 Zitiert nach: Beham, Mira (1996): Kriegstrommeln. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

34 Vgl. Gilbert, Gustave M. (1947): Nürnberger Tagebuch. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

35 Vgl. Jahn, Egbert (2012) Die „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“. Die deutsche Rolle in Afghanistan. In: Politische Streitfragen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 178-194.

36 Vgl. Wernicke, Jörg (2002): Meinungsmanipulationsstrategien in Frieden und Krieg.

37 Vgl. Caldicott, Helen (2004): The new nuclear danger: George W. Bush’s military-industrial complex.

38 Vgl. ebd.

39 Vgl. ebd.

40 Vgl. Time (2010): The 2010 TIME 100. https://web.archive.org/web/20100509223817/http://www.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,1984685_1984864_1984901,00.html. Abgerufen am 15.05.2020.

41 Vgl. Caldicott, Helen (2004): The new nuclear danger: George W. Bush’s military-industrial complex.

42 Vgl. ebd.

43 Zitiert nach: Caldicott, Helen (2004): The new nuclear danger: George W. Bush’s military-industrial complex. Übersetzung des Verfassers.

44 Vgl. Hennes, Michael (2003): Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA.

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. Schreiner, Klaus (2016): Der militärisch-industrielle-parlamentarische Medien-Komplex.

47 Vgl. Hennes, Michael (2003): Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA.

48 Vgl. ebd.

49 Vgl. New York Times (2001): 1998 Letter on Iraq. https://www.nytimes.com/2001/12/03/world/1998-letter-on-iraq.html. Abgerufen am 15.05.2020.

50 Vgl. ebd.

51 Kennedy, John F. (1961): The President and the press: address before the American Newspaper Publishers Association. https://www.jfklibrary.org/archives/other-resources/john-f-kennedy-speeches/american-newspaper-publishers-association-19610427. Abgerufen am 15.05.2020. Übersetzung des Verfassers.

52 Zitiert nach: Schreiner, Klaus (2016): Der militärisch-industrielle-parlamentarische Medien-Komplex.

53 Gilens, Martin; Page, Benjamin I. (2014): Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens. Übersetzung des Verfassers.

54 Sanders, Bernie (2019) bei einer Wahlkampfrallye in Los Angeles, Kalifornien. https://www.facebook.com/fox5dc/videos/2601470709869934/. Abgerufen am 15.05.2020.

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